Philip Singtons "The Einstein Girl" verbindet auf gelungene Weise historische Fakten mit literarischer Phantasie. Nicht nur im Zentrum des Romantitels, sondern auch des Geschehens, steht Albert Einstein, allerdings nur am Rande als der geniale Physiker, sondern vielmehr als der private Mensch.
Als in den Monaten direkt vor Hitlers Machtübernahme in den Wäldern um Potsdam eine unbekleidete, verletzte und verwirrte junge Frau aufgefunden wird, ist ein Werbezettel einer Einstein-Vorlesung zunächst der einzige Hinweis zu ihrer Identität. Psychiater Martin Kirsch von der Berliner Charité erkennt in der unter Amnesie leidenden Unbekannten eine flüchtige Bekanntschaft, die ihn vor kurzer Zeit in ihren Bann gezogen hatte. Behutsam unternimmt er Erkundigungen, um ihre Identität aufzuklären und ihr zurück ins Leben zu helfen. Schnell zeigt sich, dass sie wesentlich mehr mit Einstein zu tun hat, als nur eine zufällige Besucherin einer seiner Vorlesungen gewesen zu sein.
Äußerst gekonnt baut Sington seinen Roman um den Lebensweg des "Einstein Girls" sowie des Psychiaters Kirsch auf. In Rückblenden, eingeschobenen Briefen und Lebensberichten der Betroffenen klären sich für den Leser die Zusammenhänge langsam auf. Welche Verbindung besteht wirklich zu Einstein? Welche Rolle spielt dessen Ex-Frau und der gemeinsame Sohn, der sein Dasein in einem Schweizer Sanatorium fristet? Nebenbei erfährt der Leser viel Wissenswertes über die psychiatrischen Verfahren der damaligen Zeit, über die Grundzüge der Quantenphysik und Einsteins Suche nach der Weltformel, ohne dass der Roman dadurch langatmig oder oberlehrerhaft wissenslastig würde. Dass der Roman in den letzten Tagen der untergehenden Weimarer Republik spielt, liefert eine zusätzliche thematische Ebene, die die Vielschichtigkeit von "The Einstein Girl" unterstreicht.
Sprachlich klar und ohne verzichtbare Verschnörkelungen, inhaltlich vielschichtig und mit einem Erzählbogen versehen, der Spannung bis zuletzt hält, ist "The Einstein girl" ein rundherum gelungener Roman.