Aus der Amazon.de-Redaktion
Ein singender Schauspieler. Im Normalfall ist das so notwendig, wie Schnee im September -- und oft genug so erfreulich, wie ein Pickel im Gesicht. Normalerweise. Doch: Keine Regel ohne Ausnahme. Die heißt, nachdem Bruce Willis seine Blues-Stimme wieder verstummen ließ, Billy Bob Thornton. Der Star aus Blockbuster-Filmen wie
Armageddon oder
Ein unmöglicher Härtefall zeigte bereits mit seinem Debüt
Private Radio, dass er das Zeug zum Rollentausch hat. Kein Wunder aber auch, schließlich schmiedete der Ex von
Tomb-Raider-Babe Angelina Jolie lange vor seinen ersten Gehversuchen in Hollywood an einer Musikerkarriere. In der hat er es immerhin zum Trommler einer ZZ-Top-Tribute-Band gebracht ("Tres Hombres").
Wie ernst es ihm mit der Musik ist, wird jetzt klar: The Edge Of The World weist ihn als klassischen Singer/Songwriter aus. Wie ein Vagabund -- oder besser -- wie ein Wanderprediger schreitet er durch seine 16 Titel. Die Stimme: kratzt und schmirgelt. Die Musik: rau, staubig und verknittert wie ein alter Cowboystiefel. Die Atmosphäre: oft so intim wie in einem Beichtstuhl. Tatsächlich hat man im Verlauf des Albums das Gefühl, Zeuge einer Absolution zu sein: Der Mann singt sich seinen Frust und Kummer von der Seele. In Songs wie im Titeltrack oder "God" etwa, in denen er mit düsterer Melancholie an Springsteens Nebraska-Phase erinnert. Oder in der herrlichen Folk-Perle "Savior".
Selbst wenn er, wie bei einem Großteil der Songs, hemdsärmeligen Southern- oder West-Coast-Rock anstimmt, streut der Oscar-nominierte Kino-Star Momente des Zweifels und Selbstzweifels ein. "Pieces Of A Man" ist dafür das vielleicht beste Beispiel: Während Eagles-Gitarrero Joe Walsh prächtig seine Slide-Gitarre fliegen lässt und die Jungs von Venice mit engelsgleichem Chorgesang brillieren, grummelt B.B. Thornton etwas von "didn't ask to be born" und "and I'm one of those who is torn in pieces". Autobiografisch? Wer weiß, zumindest stammt der Song aus seiner Feder. Wie übrigens die meisten Titel, selbst "Do God Wop" -- ein zweiteiliger Titel, bei dem er sich nach einer bekifften Psychedelic-Session tief vor Frank Zappa zu dessen Bobby-Brown-Zeiten verneigt.
In der Wahl der Fremdkompositionen (u.a. Harry Nilssons "Everybody's Talking" und Tracy Chapmans "Baby Can I Hold You") zeigt der schauspielernde Sänger ein genauso glückliches Händchen, wie bei der Auswahl der Studiogäste. Neben den bereits genannten Topleuten wirkten u.a. mit: Country-Star Marty Stuart, Orgel-Ass Mike Finnegan, Styx-Sänger Thommy Shaw und -- teils auch als Produzent aktiv -- Gitarrist Daniel Lanois. Eine Top-Besetzung bis in die kleinste Nebenrolle. Ein Album ohne Schwachpunkt. --Gunther Matejka