Woran erkennt man, das es einem Künstler vorrangig um hohe Chartspositionen geht? Zum einen daran, dass die Lieder möglichst simpel konstruiert werden, damit auch jeder direkt darauf anspringen kann. Zum anderen daran, dass das Album zur Hit-Single ein wilder Stilmix ist, der sich nur schwerlich klassifzieren lässt, weil der/die Verantwortliche sich ohne zu Zögern überall dort bedient, wo andere Menschen schon große Erfolge mit feierten, um wiederrum auch wirklich überall zu gefallen. "L.A.M.B," von Gwen Stefani ist so ein Album, dass völlig ohne Identität auskommt. Auch das Erstlingswerk von Paris Hilton hat alles - bloß keinen roten Faden, der das Album in irgendeiner Form besonders macht.
Fergie bedient sich auf "The Dutchess" ebenfalls querbeet an allem, was die Musikindustrie in den USA derzeit ausmacht. Zitieren die Partysongs "Fergalicious" und "Here I Come" noch sehr eindeutig die Black Eyed Peas (Will.I.Am ist zufällig bei beiden Songs gefeatured), erinnern "Clumsy" und "All That I Got (The Make Up Song)" eher an typische Mid-Tempo-R'n'B-Jams, die sowohl von den Pussycat Dolls als auch Missy Elliott sein könnten. Reggae-esker präsentieren sich "Mary Jane Shoes", dass sogar überraschend in völlig glaubwürdigen Ska abdriftet, und "Vodoo Doll", dass sich musikalisch ebenso auf einem Seeed-Album hübsch machen würde. Das Fergie bei Bedarf auch die Christina Aguilera (sehr stimmgewaltig bei "Finally"), Kelly Clarkson("Losing My Ground") und sogar die All Saints ("Velvet") machen kann, ist regelrecht beeindruckend, genau wie die überraschend gelungenen Rappassagen in vielen Songs. Trotzdem hat man immer wieder das Gefühl, soetwas ähnliches schonmal irgendwo gehört zu haben.
Trotzdem ist das Album hörenswert. Das Faszinierenste an ihrem wilden Genregehopse ist allerdings, dass es funktioniert. Vielleicht, weil sie bei jedem einzelnen Song federführend wirkte, sie mit dem überwiegenden Produzenten Will.I.Am sicher gut kann, oder einfach Talent hat. Mir pesönlich sagen zwar einige Songs nicht zu, weil sehr "weibisch", und ich hätte mir noch mehr Partysongs á la "London Bridge" gewünscht, wer aber durchgestylten, stimmlich überzeugenden Pop mag, darf jederzeit zugreifen. Black Eyed Peas-Fans erwarten schon etwas anderes als von den Alben gewohnt, werden aber freudig den Black-Music-Kracher "Hands Up" mit der gesamten Band hören.