Heureka, es gibt sie noch, Schriftsteller(innen ;-), die, ohne den Hungertod zu sterben, die edle Tätigkeit eines Barden auch in längst vergangenen Zeiten hätten ausfüllen können und die mit ihrer Sprachgewalt nicht nur ganze Scharen in ihrem Bann halten, sondern auch aus banalen Alltäglichkeiten epische Heldengesänge erschaffen.
So gut wie jeder Autor beginnt sein Werk mit einem krachenden Szenario oder einem einführenden Prolog. Was macht Mrs. Willis? Sie pfeift darauf. Mit dem ersten Wort wird man in eine bereits begonnene Diskussion innerhalb der hehren Mauern der Universität Oxford Mitte des 21. Jahrhunderts geworfen, wo Historiker so schlicht über die nächste Zeitreise debattieren, als wäre es das Natürlichste der Welt. Ist es auch, zumindest in deren Welt, aber all das wird so unspektakulär und alltäglich dargeboten, dass auch der Leser sich innerhalb kürzester Zeit in dieser Welt heimisch fühlt und sich unwillkürlich zu fragen beginnt, ob Oxford - unser/deren Oxford? - nicht auch eine Zeitreisemaschine besitzt. Kivrin ist eine der Helden dieser Geschichte, eine junge noch fast kindlich aussehende Studentin, die sich ausgerechnet das Jahr 1320 in England auserkoren hat, um die dortigen Lebensgewohnheiten vor dem kurz bevorstehenden Aufkommen der schwarzen Pest zu erforschen. Der arme Professor Dunworthy versucht sie als wohlmeinender Mentor unter allen Umständen davon abzuhalten. Bereits die technischen Umstände der Zeitreise bergen unvorhersehbare Risiken, ganz zu schweigen von den Freuden des dunklen Mittelalter mit seiner niedrigen Lebenserwartung, Kälte, Hunger, Seuchen, Marodeuren und Vergewaltigungen. All das kann die perfekt vorbereitete Kivrin nicht aufhalten. Die Zeitreise beginnt, doch es läuft nicht alles nach Plan. Kivrin findet sich in leicht veränderten Umständen wieder, währenddessen in ihrer Zeit eine unbekannte Seuche ausbricht...
Wer das Wort Zeitreise und Mittelalter hört, wird vor seinen geistigen Augen zahllose Bilder auftauchen sehen. Vergesst Sie diese ganz schnell wieder, denn die gute Mrs. Willis spinnt ihr eigenes Zeitreisegarn. Das erste, was mir an der Handlung fatal auffiel und sich aller 100 Seiten wiederholte, war, dass tatsächlich erstaunlich wenig passierte. Professor Dunworthy ist mit zahllosen anderen Akteuren mit dem Alltag einer Seuche samt Quarantäne ausgelastet und versucht Kivrins Zeitreise zu datieren - während sich die junge Dame auf Dauer in einem kleinen Dorf unter der Obhut einer kleinen mitelalterlichen Familie befindet. Zeit für den wahren Barden. Nach fünf Jahren Recherche hat die Autorin ein schonungslos realistisches Bild des Mittelalters gezeichnet, dass weniger aus edlen Rittern und Galanterie besteht, sondern aus beständiger Kälte, Schmutz, Gestank und authentischen Charakteren ihrer Zeit. Die wahre Faszination hat die Autorin mithin nicht auf die Zeitreise, sondern auf die dezidierte Aufarbeitung und Darstellung des reichlich unbekannten und verklärten Alltags in einem mittelalterlichen Dorf gelegt. Mit detaillierten und intensiven Beschreibungen verleiht sie ihren Welten plastische Gestalt und erfüllt selbst das Läuten einer Glocke und das Melken einer Kuh mit Spannung und Bedeutungsschwere. Im ständigen Wechsel zwischen Zukunft und Vergangenheit vermag sie es nicht nur, beide Sphären zu verbinden, sondern erschafft auch Parallelen, Verflechtungen und genial aufgeworfene Brückenschläge: Dunworthy, der verzweifelt nach einem Weg zu Kivrins Rettung in mitten eines Chaos' sucht - und Kivrin, die ihn latent in Ihren Gedanken und als letzte Brücke und Hoffnung im Herzen behält. Die Charaktere sind menschlich so genial gelungen und emotional nachvollziehbar, dass keine neu erschaffenen Gestalten tagen, sondern zahllose Eigenheiten und Facetten, die einem selbst beständig im Alltag oder im Spiegel begegnen. Gewitzte Dialoge gehen einher mit knochentrockener Ironie und beruhen auf einer ebenso sensiblen wie wirkungsvollen Interaktion der Figuren.
Das Buch ist nichts von dem, was ich mir vorgestellt habe. Während die Sci-Fi-Anleihen das Geschehen mit einer gewissen Faszination umrahmen, steht die Vertiefung und Auseinandersetzung mit der menschlichen Charakteristika im Vordergrund. Überraschend gewagt und vollends gelungen. Allein wie die Autorin mit scheinbar einfachsten Mitteln durchgängig eine unterschwellige latente Spannung erschafft, ist mir dergestalt noch nicht begegnet. Ihre Sprache ist das Spiegelbild ihrer Geschichte: Plastisch, prägnant, intensiv, feinfühlig, ergreifend und dabei von einer bestechenden Einfachheit, die aus jedem Wort ein Schwergewicht schmiedet. Es ist ein wahre Schande, dass dieses Wahnsinnswerk im Deutschen nicht wieder aufgelegt wird. Glücklicherweise liest es sich auf einem sehr angenehm einfachen Sprachniveau und ist mithin sowohl jedem Englischlaien als auch Einsteiger im Original uneingeschränkt zu empfehlen.
Fazit;
Würdigen kann ich das Buch nur mit einem Wort, das - selbstverständlich - aus der Feder der Autorin stammt: Apokalyptisch! ;-)