Nach dem Lesen der Reviews einiger meiner Vorrezensenten hatte ich ernsthaft Bedenken beim Kauf dieser CD - ich hatte 75 Minuten voller nervtötender, übertriebener Grunts im Stil des Titelsongs auf dem Vorgängeralbum, Consign to Oblivion", erwartet. Aber das Gegenteil trat ein: Nie haben mich Grunts bei Epica-Liedern so wenig gestört wie auf deren neuster Kreation The Divine Conspiracy".
Das Album fängt mit ruhigen, von einem wunderschönen Chor unterstützen Klängen auf INDIGO an. Das Lied wird langsam immer dramatischer, bis es dann im Höhepunkt nahtlos in den nächsten Song THE OBSESSIVE DEVOTION übergeht. Dieser 7-Minuten-Kracher vereint alle Qualitäten Epicas in einem einzigen Lied: Simone Simons' klare Stimme wechselt sich mit Chören, Mark Jansens Grunts und einer kurzen Sprechpassage ab, dazu gibt es einen wunderschönen Refrain, der schnell ins Ohr geht und leider viel zu kurz ist, und die gewohnte Kombination aus klassischem Orchester und einer Metalband.
Auf den Opener folgt MENACE OF VANITY, eines meiner persönlichen Favoriten, obwohl die Frontsängerin auf diesem Song gar nicht solo singt. Mark Jansen grunzt wieder, allerdings nur kurz in den Strophen, die ansonsten von dem aggressiven Chor dominiert werden, dem auch der melodische Refrain zugewiesen wurde. Das Lied ist für Epica-Verhältnisse relativ knapp, weshalb es einem kurzen, aber schmerzhaften musikalischen Messerstich gleicht. Ich für meinen Teil wurde in diesem Fall gerne erdolcht ;)
Das nächste Lied ist wieder über 3 Minuten länger als der Vorgänger und ebenfalls eines der in meinen Ohren besten Songs. Es beginnt in Form einer ruhigen Ballade, in der Simone Simons' Stimme endlich die ihr zustehende Aufmerksamkeit geschenkt bekommt. Stimmlich hat sich die Sängerin seit dem letzten Album deutlich verbessert: Sie verfügt über ein größeres Repertoire an sicher gesungenen Tönen und wagt sich in Höhen und Tiefen vor, die man ihr auf The Phantom Agony" und auch Consign to Oblivion" nicht zugetraut hätte. An eine Wahnsinnsstimme wie die von Floor Jansen (After Forever) kommt sie zwar (noch?) nicht heran, aber das braucht sie auch gar nicht, da die Qualitäten der Band sich nicht nur auf die Sängerin konzentrieren.
Mark Jansen bekommt auf CHASING THE DRAGON ebenfalls seinen Auftritt, zunächst mit ein, zwei kurzen Zeilen Grunts, später dann einer kurzen Death-Metal-Attacke, die ich als überaus gute Steigerung der Ballade empfinde, die sonst vielleicht etwas zu sehr vor sich hingeläppert wäre.
NEVER ENOUGH erinnert ein wenig an Lieder wie Quietus" - eher kurz gehalten, kein vordergründiger Grunt-Einsatz, keine dominanten Chöre. Ein netter Song mit schönen Melodien, aber für einen Fan von epischeren Liedern sicher kein Highlight.
Von vielen Fans sicher mit Sehnsucht erwartet wurde die Fortsetzung der nun beinahe zur Saga anmutenden The Embrace that Smothers" Komposition: Nach einem kurzen Intro geht's gleich mit dem aggressiven DEATH OF A DREAM los, auf dem die Chöre zu Beginn gleich anklagend losschmettern. Sander Gommans von After Forever übernimmt Mark Jansens Rolle und damit die männlichen Gesangs"-parts, Simone Simons singt den sehr schönen, dramatischen Refrain.
LIVING A LIE ist wieder etwas kürzer und beginnt trotz Gitarrenriffs eher ruhig und wieder mit einer Kombination aus Grunts/Chor, die mir persönlich immer besser gefällt, je öfter ich sie höre. Frau Simons kümmert sich wieder um den Refrain. Beinahe ohne Unterbrechung fließt das Lied in FOOLS OF DAMNATION über, welches noch mal etwas länger ist als die 7-Minuten-Epen. Stellenweise ist es mir fast etwas *zu* lang, da es sich zwischendurch doch etwas hinzieht.
BEYOND BELIEF ist wieder ein Klassiker - dramatische Chöre, die in diesem Fall betont engelsgleiche Stimme Simone Simons', ein leicht zu merkender Refrain und die erstklassige Orchesterunterstützung. Leider geht der Song in der Masse etwas unter, da er etwas eingängiger ist als die anderen und nicht die Vorrangsstellung Never Enough" genießt, das als erste Singleauskopplung dient.
Eine astreine Ballade, SAFEGUARD TO PARADISE, folgt. Mit den alten Gesangsqualitäten von Simone Simons wäre dieses Lied dem einen oder anderen sicher etwas langweilig geworden - man denke zum Beispiel an "Trois Vierges" oder "Feint". Ihre Stimme hat sich aber seit dem letzten Album ja wie gesagt doch um einiges gesteigert, weswegen der Song nicht zu unterschätzen ist. Die Frontfrau singt variantenreich und mit Gefühl und das Lied hat genau die richtige Länge, um nicht zu kurz oder zu lang zu wirken.
Vor dem letzten Song kommt SANCTA TERRA, ein kraftvolles Lied über die Suche nach dem Paradies (wie fast alle Songs dieser Band lässt es sich aber auf mehrere Weisen interpretieren). Mark Jansen schweigt wieder vollständig und überlässt Simone Simons die Strophen komplett, der Refrain wird vom Chor unterstützt wodurch er noch einmal an Stärke hinzugewinnt.
Das fulminante Finale bildet THE DIVINE CONSPIRACY. Bei anderen Bands des Genres habe ich öfter mal bei Liedern über 10 Minuten das Gefühl, dass der Song nur unnötig in die Länge gestreckt wurde und im Laufe der Zeit langweilig wird. Nicht so bei Epica: Da die Band selten ein Lied (von den Intros mal abgesehen) unter 4 Minuten produziert erscheint es nur natürlich, dass auch mal ein Werk dabei ist, das sich über eine knappe Viertelstunde streckt. Der Titel-track des Albums greift den Text aus Indigo" wieder auf, enthält zwei verschiedene Refrains, Solos sowohl von Simone Simons als auch von Mark Jansen und lange (aber nicht übertriebene) Phasen, in denen nur das Orchester spielt. Einen besseren abschließenden Song hätte die Band für dieses Album nicht finden können, denn er vereint sowohl die Thematik der anderen Lieder als auch deren Musik.
Insgesamt bin ich mit der neuen Schöpfung Epicas mehr als zufrieden. Ja, Simone Simons singt weniger als auf den letzten Alben - das hängt aber nicht nur mit den nur gemäßigt eingesetzten Grunts zusammen (längere Gruntphasen wie zum Beispiel auf Consign to Oblivion" wurden Mark Jansen nie zugeteilt), sondern auch mit den sich häufenden Einsätzen des Chors. Das ist eine Entwicklung die mir persönlich als Fan von Chören sehr gut gefällt, es ist aber sicher auch, wie die Grunts, nicht jedermanns Sache. In diesem Fall empfehle ich, andere Bands zu hören. Epica wird wohl weder die Grunts, noch die Chöre, noch das dominante Orchester fallen lassen - wofür ich für meinen Teil sehr dankbar bin, denn gerade die Kombination aus all diesen unterschiedlichen Elementen ist das, was diese Band ausmacht.