Nach den beiden Boxen "Sine on" Anfang der Neunziger und "Oh by the Way" vor ein paar Jahren liegt der Pink Floyd-Katalog neu aufgelegt vor, und natürlich erscheinen, rechtzeitig zum nächsten Wiegenfeste, alle Studio-Alben von 1967-1994 (wenn man davon absieht, dass Ummagumma ein Livealbum beinhaltet) auch wieder gesammelt in einer Box - nur diesmal ganz frisch remastert.
Die CDs stecken, ökologisch korrekt, in sehr ästhetischen Papp-Klappcovern, und die Booklets der Neunziger-Remasters sind wie erwartet teils behutsam, teils deutlich überarbeitet worden. Auf jeden Fall liegen sämtliche Songtexte vor, und das Auge kriegt auch was zum Mit-Essen!
Schwach ist, dass sich die Plattenfirma mal wieder nicht entscheiden konnte, eine CD mit Singles und Raritäten dazu zu packen, nicht mal "Relics" ist mit dabei: Von "The Piper at the Gates of Dawn" z.B. gibt es seit 1997 den Mono-Mix und seit 2007 eine 2fach- bzw. 3fach-CD-Box mit dem Mono-Mix sowie einigen alternativen Fassungen und Single-A- und B-Seiten. Das Album kommt auch 2011 wieder mal ganz ohne die Singles Arnold Layne/Candy and a currant Bun, See Emily play und Apples and Oranges/Paintbox daher. Auf ein Stereo- und Mono-Remaster samt den Singles It would be so nice/Julia Dream und Point me at the Sky/Careful with that Axe, Eugene warte ich bei "A Saucerful of Secrets" auch schon lange. Auch ansonsten: Bonustracks - völlige Fehlanzeige. Das wäre doch mal eine gute Gelegenheit gewesen, dem Fan neben o.g. Singles Songs wie Embryo sowie die lange Version von Pigs on the Wing (erhältlich auf Snowy Whites "Gold Top"-CD), die Singleversionen von Another Brick in the Wall Part 2, von Not now John (in der Gilmour "stuff all that" statt "f**k all that" singt) und die B-Seite The Hero's Return Parts 1 & 2 usw. usf. anzubieten. "The final Cut" enthält immer noch den Extra-Song When the Tigers broke free, wie schon seit dem Remaster von 2004.
Das der Box exklusiv beiliegende Buch "Graphic Tales" zeigt in chronologischer Abfolge etliche unveröffentlichte Design-Entwürfe (Grafiken, Poster, Cover etc.) zu Floyd-Alben oder -Tourneen, launig kommentiert von Storm Thorgerson von Hipgnosis, dem Künstler-Team, das sich um fast alle Pink Floyd-Cover (und die vieler anderer) kümmerte. Das ist schön anzusehen; ich hätte etwas mehr Substanz in Form von Textinformationenen (wie im Begleitbuch der "Shine on"-Box) begrüßt.
Preislich spricht für die Box, dass der Album-Stückpreis bei gut 11 Euro liegt, die beiden Doppel-CDs "Ummagumma" und "The Wall" eingeschlossen. Allerdings kommen "Dark Side of the Moon", "Wish you were here" und "The Wall" in der Folge zusätzlich in sogenannten Experience Editionen mit jeweils einer Extra-CD heraus, die in dieser Kiste natürlich nicht enthalten sind (von den "Immersion Boxes" gar nicht zu reden), und kaum ein Floyd-Fan wird darum herum kommen, diese Alben doppelt zu erwerben.
Die Songs sind beim Remastern nicht wie befürchtet (und wie z.B. beim Queen-Katalog geschehen) bis zum Geht-nicht-mehr, sondern nur behutsam und wo erforderlich komprimiert worden, was eine höchst erfreuliche Dynamik erlaubt. Leider ist auch eine leichte Überbetonung der Höhen zu verzeichnen. Dafür lässt der Sound im Direktvergleich zu den Neunziger-Remasters, mit denen ich nie ganz glücklich war, weil sie das Dynamik-Spektrum nicht voll ausnutzten und in meinen Ohren etwas kühl und doch dumpf klangen, eine neue Detailtreue zu; von ihnen kann ich mich jetzt leichten Herzens verabschieden.
Nachtrag: die neuen Pink Floyd-Remasters gefallen mir im Großen und Ganzen besser als die von 1994; die klangliche Offenbarung, auf die man hoffen durfte, stellen sie aber nicht dar.