Der 31jährige Journalist Paul Kemp aus New York hat zehn Jahre im Ausland verbracht. Nun nimmt er einen Job bei dem Käseblatt "Daily News" in San Juan/Puerto Rico an. Für die Zeitung arbeiten nur völlig unfähige Reporter oder Typen, die irgendwie in diesem Ort hängengeblieben sind. Die ersten drei Monate wohnt Paul im Hotel und vertreibt sich die Freizeit mit ein paar Jungs von der News auf Parties und in Bars. Neben etwas Sex gibt es vor allem ganz viel Rum und Paul wird wie die anderen immer mehr zum Säufer. Neben der Einöde San Juan's stört ihn sonst aber nur der cholerische Zeitungsboss Sanderson und die Zeitung selber, die immer wieder kurz vor dem Ruin steht.
Nach einem Streit mit einem Wirt prellen die Jungs von der Zeitung die Zeche, werden von der Polizei verfolgt und wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt festgenommen. Sie kommen auf Kaution frei, aber als Paul sein Foto im Konkurrenzblatt sieht, fürchtet er um sein Leben. Er wird depressiv, reißt sich aber zusammen, nimmt sich ein kleines Appartment und kauft sich ein Auto. Er bekommt das Angebot für einen reichen Typen Reiseartikel zu schreiben und fliegt zusammen mit dem bei der News gefeuerten Yeamon und dessen vergnügenssüchtiger Freundin Chernau auf die Insel St. Thomas. Dort erleben die drei ein besinnungsloses Karneval-Wochenende mit ekstatischem Tanz, Alkoholexzessen und einer folgenschweren Schlägerei.
The Rum Diary war Hunter S. Thompsons serster Roman und wurde erst im Jahre 1998 gedruckt. Auf deutsch erschien der Roman zunächst bei dem kleinen, aber feinen Blumenbar-Verlag als Hardcover, dessen Verleger Wolfgang Farkas für diese famose und überaus rhythmische Übersetzung verantwortlich zeichnet. Dann hat Heyne, offensichtlich durch gute Rezensionen aufmerksam geworden, die Rechte gekauft und das Buch in vorliegender Paperbackversion herausgebracht.
Das Buch wird von Anfang bis Ende von der grandiosen Erzählstimme des Ich-Erzählers Paul getragen. Ich fühlte mich sofort an die Erzähler der große Mafia-Filme wie "Der Pate" oder "Good Fellas" erinnert, die aber jüngeren Datums sind. Die Handlung ist dabei gar nicht mal so spannend, doch Thompson's Erzählstil lässt ein unglaublich lebendiges Bild Puerto Ricos in den späten 50er Jahren entstehen. Hin und wieder erkennt man den einen oder anderen Ansatz, aus dem Thompson später "Fear and Loathing in Las Vegas" gemacht hat, den wohl größten Drogenroman aller Zeiten. "The Rum Diary" ist für mich vor allem die Geschichte eines Ortes, der eigentlich nur die Sehnsucht nach anderen Plätzen weckt, sowie die Frage nach dem Sesshaftwerden und dem richtigen Alter dafür. Dass Hunter S. Thompson sich 2005 umbrachte, war irgendwo konsequent, wenn man sein Werk betrachtet, aber literarisch ist es jammerschade, denn man kann sich kaum einen besseren Erzähler vorstellen.