Zu Beginn meiner Rezension wage ich einen Blick zurück ins Jahr 1995. Damals ist die britische Metal - Legende Black Sabbath am Ende. Das bis heute letzte Studioalbum "Forbidden" erscheint, nach der darauffolgenden Tour löst Gitarrist und Gründungsmitglied Tony Iommi die Band auf. Seit 1970 hat man 18 Alben mit 5 verschiedenen Sängern veröffentlicht, welche Musiker aller Generationen beeinflusst und geprägt haben. Zwar erscheint 1998 die Live Doppel - LP "Reunion" mit 2 Studio Bonustracks und Ursänger Ozzy Osbourne am Mikrofon, jedoch ist diese lediglich als Dankeschön an die Fans gedacht. Zu Beginn des neuen Jahrtausends begibt sie die Urformation von Black Sabbath mit Produzent Rick Rubin ins Studio, um eine neue LP einzuspielen. Sämtliche Bemühungen verlaufen allerdings im Sande und so dauert es bis ins Jahr 2007, ehe neues Songmaterial zu hören ist. In der Besetzung der Alben "Heaven and hell", "Mob rules" und "Dehumanizer" gehen Black Sabbath ins Studio und spielen drei neue, enorm starke Songs für die Compilation "The Dio years" ein. Im Anschluss geht es unter dem Bandnamen "Heaven & hell" auf große Welttour in deren Rahmen das einst zerstrittene Quartett entscheidet, ein komplettes neues Studioalbum in Angriff zu nehmen. So wird, was kaum ein Metal - Fan jemals für möglich gehalten hätte, 2009 schließlich Wirklichkeit: Das erste offizielle Studioalbum einer ehemaligen Black Sabbath Formation seit 14 Jahren erscheint. Zwar dient als Bandname erneut "Heaven & hell", doch im Titel des Werks wird klar, wer hier am Werk ist: "The Devil you know". Vier Legenden der Metal Szene geben sich die Ehre. Mit dabei sind die Sabbath - Gründer Tony Iommi (Gitarre) und Geezer Butler (Bass) sowie der charismatische und in Würde gealterte Meistersänger und Ozzy - Nachfolger Ronnie James Dio. Ihnen assistiert, wie schon beim letzten gemeinsamen Werk "Dehumanizer" (1992) Vinny Appice am Schlagzeug. 17 Jahre nach dem großen Streit und der scheinbar endgültigen Trennung der Band liegen 10 neue Songs vor, die an Intensität kaum zu überbieten sind. Die in den "Rockfield Studios" in Wales aufgenommenen Titel atmen auch 40 Jahre nach der Bandgründung von Black Sabbath deren typische Markenzeichen.
Den Einstieg macht die düstere Elegie "Atom and evil". Ein schwerfälliges und zähes Doom - Stück, welches sich mit der Zeit zu einer eindrucksvollen Hymne steigert und Dio's grandioser Stimme Raum zur Entfaltung gibt. Kaum zu glauben dass dieser Mann bereits stolze 67 Jahre auf dem Buckel hat. Immer noch schafft er es den Hörer vom ersten Moment an zu fesseln, ihn auf eine 54 minütige Reise in tiefschwarze Gefilde voll Schmerz und düsterer Visionen zu locken.
"Atom and evil" wirkt als Opener zunächst etwas deplatziert, entwickelt aber nach mehrmaligem Hören eine ungeheure Kraft und Stärke.
Der zweite Titel "Fear" zieht das Tempo etwas an, ohne jedoch wirklich abzuzischen. Insgesamt gesehen wirkt er solide, aber wenig spektakulär. Auch der ungewöhnlich intonierte Refrain wirkt zunächst nicht stimmig. Doch auch dieser Titel gewinnt mit jedem Durchlauf.
Dieses Problem besitzt "Bible Black" nicht. Die Vorabsingle ist ein wahres Meisterwerk düsterer Musik. Nach dem melancholischen Intro schlägt ein unverkennbares Iommi - Monsterriff auf. In diesem kraftvollen, majestätischen Stück wirken alle vier Musiker auf einzigartige Weise zusammen und kreieren einen modernen Heavy Metal Klassiker. Der poetisch verklärte Text hinterlässt ebenfalls eine nachhaltige Wirkung und erhebt "Bible Black" zum herausragenden Epos der LP. Man wird sofort in den Bann gezogen und treibt die gesamten sechseinhalb Minuten hypnotisiert mit.
Straighter rockt "Double the Pain". Ein fieses Riff, wie beispielsweise im 92er Song "I" vorhanden, trägt diesen Titel. Druckvoll, mächtig und mit interessantem Bass - Intro versehen walzt sich der Titel in den Gehörgang.
Bis zu diesem Punkt klingt das Album recht traditionell. Dieses ändert sich geringfügig mit "Rock and Roll Angels". Das Einstiegsriff wirkt erfrischend melodisch, entlädt sich dann in einen Midtempo Part, ehe schließlich der melodische Chorus die brachiale Spannung aufhebt. Besagter Refrain sticht für mich durch seine einzigartig berührende Melodieführung und Dios eindringlichen Gesang heraus. Eine wahre Hymne und für mich einer der Höhepunkte. Wohl der eingängiste Moment einer ansonsten eher sperrigen LP.
Erstaunlich filigran geht es mit "The Turn of the Screw" weiter. Ein elegant groovender Kopfnicker, der jedoch, wie bereits die fünf Titel vor ihm, das Midtempo nicht verlässt. Eingängig und kompakt.
Als man es nicht mehr erwartet nehmen die Metal Legenden doch noch Fahrt auf. "Eating the Cannibals" ist der kürzeste und schnellste der 10 Tracks. Wüst fegt er durch die Boxen, erinnert stark an frühere Heldentaten der Marke "Neon Knights", "The Mob rules" oder "TV Crimes". Ein wahres Kleinod, welches im ansonsten eher schleppenden Gesamteindruck des Albums eine wohltuende Duftmarke setzt. Ungewöhnlich wirkt die Platzierung des ersten wirklichen schnellen Titels an Position 7 dennoch.
Als man sich gerade auf erhöhtes Tempo einstellt, kriecht das pechschwarze "Follow the tears" daher. Eingeleitet von einem gespenstischen Intro mit Orgel und Chorpassagen schlägt ein Riff auf, wie es nur Tony Iommi kreieren kann: tonnenschwer, ultradüster und mit einer beängstigenden Intensität beladen. Diese zweite Single erzeugt Gänsehautmomente und das obwohl der Refrain höchstens mittelmäßig wirkt. Brachialer, dunkler und böser geht es nicht. Ein Meisterwerk.
Auch wenn "Neverwhere" die Handbremse wieder etwas lockert vermag es nicht restlos zu überzeugen. Ein gefälliger Song mit gutem Riff, der im Gesamteindruck allerdings leicht abfällt. "Das kann noch nicht alles gewesen sein" denke ich mir im Stillen nach 9 beeindruckenden Titeln. Und tatsächlich folgt die Krönung zum Schluss.
Gesangsmagier Dio entführt ein letztes Mal auf eine poetische Reise. Diesmal dient als Schauplatz das Paradies, in welchem Engel einen Aufstand planen. "Breaking into heaven" ist das längste und intensivste Stück des Albums. Fast statische Lavariffs drücken sich zäh nach vorne und scheinen die Boxen komplett auszufüllen, bis Dio im majestätischen, stolzen Refrain ein Album verdelt, welches einmal mehr eindrucksvoll bezeugt, dass es nur eine wahre Metal - Legende gibt. Der Abschlusssong ist ein düsterer Rausch der Sinne, der einen verklärt zurück lässt.
"The Devil you know" ist ein Meisterwerk geworden, welches den brachialen Stil von "Dehumanizer" mit den melodischen Teilen von "The Mob rules" verbindet. Nicht nur das martialische Cover verweist auf die pessimistische Weltsicht, welche die vier Ausnahmemusiker in ihrer Musik erzeugen. Die Themen bewegen sich im Bereich sozialkritisch bis metaphorisch dunkel, gekleidet in die poetische Sprachgewandtheit von Texter Ronnie James Dio.
Zusätzlich gibt's eine DVD mit einem kurzen Film zur Entstehung des Albums.
Als Fazit bleibt: Wer bereit ist, sich auf eine emotionale Reise in menschliche Abgründe einzulassen, wird mit "The Devil you know" bestens bedient. Im April 2009 meldet sich eine Band zurück, deren musikalische Genialität nicht in Worte zu fassen ist. Nichts desto trotz lässt sich auch Kritische anmerken. Das Album wirkt an manchen Stellen zu doomig und die eine oder andere Hookline zündet nicht auf Anhieb. Doch genau das macht dieses Album einzigartig: Es braucht Zeit. Wenn man sie ihm gibt, entfaltet es seine ganze Pracht. "The Devil you know" ist sicherlich nicht das beste Sabbath Werk, kann im Gesamtkatalog der Band allerdings durchaus als Ausrufezeichen herausstechen. Danke an diese vier Grand Segnieurs des Genres. Ein bewegendes Stück Musikgeschichte.