Tatsächlich sind Sonic Youth eine Band mit zwei Gesichtern. Man kann auch sagen, die Musiker haben unterschiedliche Vorlieben und Einflüsse, die nicht immer auf ihren regulären Veröffentlichungen erkennbar sind. Diese durchaus unkommerzielleren Stücke veröffentlicht die Band konsequenterweise unter ihren SY-Label, wobei da gerne Free-Jazz/frei improvisierte Musik oder Neue Musik à la John Cage gespielt wird. "The Destroyed Room" ist aber durchaus ein reguläres Sonic-Youth-Album, wenngleich auch etwas offener gestaltet. Der Opener "Fire Engine Dream" gibt den Takt vor: ein 10-minütiger Jam, der harte Riffs mit Atonalität paart. Aber in den Liner Notes zur Platte gibt die Band zu, dieses eher schwer zugängliche Stück absichtlich an den Anfang gestellt zu haben, man wollte sehen "who's here and who's not." Auch das nächste Stück geht noch in diese Richtung, ist aber deutlich kürzer. "Is it my Body?" und "Doctor's Orders" sind dann schon typische Sonic Youth-Stücke, die auf jedes Album passen würden, letzteres ist sogar auf "Experimental Jet Set, Trash and No Star", allerdings mit Kim Gordon am Gesang, während hier Thurston Moore singt. Die zweite Seite der ersten LP beginnt dann mit "Razor Blade", einem herrlichen Kim-Gordon-Folk-Blues, ihr Gesang wird fast nur von einer akustischen Slide-Gitarre begleitet. Auch das zweite Stück singt bzw. spricht Kim Gordon, hier klingt die Band eher so, als spiele sie eine Referenz an "The End" von den Doors. Seite drei sind dann tatsächlich instrumentale Stücke, aber hier bekommt man eben den geliebten Sonic-Youth-Lärm, den man auch auf "Goo" oder "Daydream Nation" so schätzt. "Beautiful Plateau" ist eine typische Sonic-Youth-Jam oder wie sie es nennen, eine "Rock'n'Roll meditation coming out of an extended noise jam." Daraus entstehen dann letztendlich ihre Songs. Die letzte Seite des Doppelvinyls wird vom Höhepunkt der Platte beherrscht: "The Diamond Sea" ist ein 25-minütiges Melodie-Noise-Monster, das Sonic Youth 1995 auf der Lollapalooza-Festival-Tour immer als letztes Stück gespielt haben. Zunächst noch ein typisches Stück mit einer wundervollen Melodielinie, franst es mit zunehmender Dauer immer mehr aus, verlässt aber nie völlig das Grundriff bzw. die Melodielinie - ein gigantischer Fade Out. Schon dafür allein würde sich der Kauf der Platte lohnen.
Man kann hier einer Band beim Entstehen eines Werks zusehen, work in progress wird hier zugänglich gemacht. Das ist für Fans natürlich Pflicht, sollte aber neugierige Hörer nicht abschrecken. Wer nur die sehr zugänglichen "Daydream Nation", "Goo" oder "Rather Ripped" mag, ist hier vielleicht falsch und auch als Einstieg ist die Platte nicht geeignet (aber es sind ja auch B-Seiten und Raritäten). Die Covergestaltung ist übrigens sehr liebevoll, es gibt zu jedem Song einen kleinen Text zur Entstehungsgeschichte und man kann sehen, wie sehr die Band sich auch in einen Kunstzusammenhang stellt. Für die LP sprechen der exquisite Klang und das schöne Cover, für die CD der beinahe schon lächerlich zu nennende Preis.