Es fällt mir schwer, meinen Abscheu in Worte zu fassen.
Nicht etwa bezüglich dieses Films, sondern im Hinblick auf den Tenor der negativen Kritiken, die ich mancherorts lese.
Gott, ist die Welt wirklich so voll von seelenlosen Konsumzombies? Von Popcorn mampfenden Filmanguckern, die mit vorgeschobener Unterlippe und zusammengezogenen Brauen durchs Leben gehen, ab und zu auf die Reizworte der Industrie hin zu sabbern anfangen und einfach blind und taub sind für jeden Funken von Inspiration?
Folgendes zu DESCENT:
Es ist ein Film über eine Gruppe von Freundinnen, die in ein unerforschtes Hohlensystem hinabsteigen.
Sie gehören zur Generation derer, die in ihren Träumen gescheitert sind und auch durch die Verheißungen von Emanzipation und Entfaltungsfreiheit nicht ihr Glück gefunden haben.
Ihre Hintergründe werden (abgesehen von der Hauptfigur) nur angedeutet ' und in dem Aspekt des Unfalls, bei dem diese Mann und Kind verloren hat, ist auch schon die einzige Inkonsequenz des Films zu sehen.
Dieses Schicksal zu zeigen, ist ein Zugeständnis an jene Zuschauer, die nicht in der Lage sind, sich selbst in dieser Gruppe wiederzuerkennen, und die ein typisches Dramenfragment brauchen, um in den Film hinein zu finden.
Der Film nämlich will auf etwas ganz anderes hinaus:
Menschen auf der Flucht vor ihrem Alltag, die mit Landrovern durch die Natur brettern, um sich mittels Pseudo-Selbstfindung ein paar Adrenalin-Kicks zu verschaffen. Sie sind die glorreich erfolgreichen Versager einer Post-Yuppie-Kultur.
Statt Fragen nach ihrer Existenz zu stellen und die metaphorischen Höhen zu erklimmen, die ihnen Antworten bringen könnten, steigen sie hinab in die Tiefen der Erde.
Maulwürfen gleich graben Sie sich ihrem Verhängnis entgegen, begraben sich buchstäblich selbst in dem blinden Bemühen, einmal ein richtig großes Abenteuer zu erleben.
Was sie finden, ist von existenzialistischer Reinheit ' vergleichbar mit dem Wesen im ersten ALIEN Film.
Die Monster, die diese Höhlen bewohnen, sind zwar Nachfahren von Menschen ' dabei aber von der humanen Natur so weit entfernt, wie H.G. Wells es in seinen Morlocks beschrieb.
Kreischende, wurmbleiche Gestalten, mit denen keinerlei Kommunikation möglich ist. Deren einziger Antrieb es ist, diese Besucher der Oberwelt aufzufressen.
Wer hier auf irgendeine spannende Handlung wartet. Auf Planung, Widerstand, Freundschaft oder hehre Menschlichkeit ' der hat die Absicht dieses Films schlichtweg missverstanden.
Der Film zeigt schonungslos, was bleibt, wenn man sich von der Welt des Menschlichen abgewandt hat und bei den 'Ungeheuern der traurigen Öde' landet, wie Schiller sie im TAUCHER beschrieb.
Renne! Überlebe! Fliehe! Überlebe! Renne! Schlag zu! Renne! Überlebe!
Die Schlusskonfrontation zwischen den beiden Frauen ist der einzige Schwachpunkt in diesem konzeptionell völlig reinen Meisterwerk.
Hier hat für einen kurzen Moment irgendein Autor ins Drehbuch gepfuscht, der hinter alledem noch eine Story erzählen wollte ' wahrscheinlich, um den vermeintlichen Massengeschmack zu befriedigen.
Ich schließe da kurz die Augen und übersehe dieses triviale Eifersuchtsdrama.
Der ideale und geradezu metaphysische Höhepunkt des Films ist der, als die letzte Überlebende sich einen sonnenüberfluteten Schädelberg hinauf kämpft (Golgotha?) und einer Geburt gleich aus dem winzigen Erdloch hervor bricht.
Aber nicht triumphierend und als Heldin entkommt sie dem Grauen der Tiefe. Bibbernd und panisch taumelt sie den Berg hinab. Eine menschliche Ruine' eine Ikone des körperlichen Entsetzens, die an den Schluss des Original TEXAS CHAINSAW MASSACRE erinnert und ein grauenvolles, nihilistisches Bild malt von dem, was Mensch ist, wenn er seine Menschlichkeit in der Zivilisation verliert und sich in den Irrglauben einer romantisierten Natur flüchtet.
Der Film schöpft aus den bitteren Quellen, aus denen auch BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE oder DIE 120 TAGE VON SODOM schöpften.
Existenzialistisches Kino, das mit mehr als seiner Oberfläche erschreckt.
Mir ist bewusst, dass DESCENT dabei an eben dieser Oberfläche nichts anderes ist als ein straighter Monsterfilm. Und dabei zudem ein verdammt spannender!
Aber es bedarf eigentlich nicht viel, den Funken des Großartigen zu erkennen, der in ihm glimmt. Dass so wenige das sehen ' und dass so viele genau das Gelegenteil empfinden ' macht mir klar, wie wahr und traurig das Menschen- und Weltbild ist, das der Film malt.
Manche Menschen erkennen Tiefe nicht, selbst wenn sie hinein geschleudert werden.
Vielleicht, weil sie den wurmhaften Monstern seelisch näher stehen als den Sinnsuchern der oberen Welt'