Der Wildtoeter (The Deerslayer) ist das fuenfte Buch aus dem Lederstrumpfzyklus, chronologisch aber das Erste.
Handlungsort ist der "Glimmerspiegel", ein See im Bundesstaat New York. Cooper selbst verbrachte hier einen grossen Teil seines Lebens.
Handlungszeitraum ist die Mitte des 18, Jahrhunderts, aber das Buch wurde erst rund achtzig Jahre spaeter verfasst. Der Autor blickt zurueck auf ein Amerika, das noch weitgehend unberuehrt war von der Zivilisation und ihren (schaedlichen!) Einfluessen. Gerade eben waren die ersten Weissen in die Wildnis eingedrungen, und sie hatten nicht nur ihr eigenes Schicksal, sondern auch die Zukunft des Landes in der Hand.
Geschildert werden in dem Roman die Auseinandersetzungen zwischen einer Gruppe von Grenzern und etwa 50 Mingos (Indianern!), die auf dem Rueckweg nach Kanada sind. Dabei erlebt der Wildtoeter, mit buergeglichem Namen Natty Bumpoo und wohl der Grenzerlegende Daniel Boone nachempfunden, seine erste grosse Bewaehrunsprobe, die er natuerlich mit Bravour besteht.
Viel wichtiger als die aeussere Handlung ist aber die moralische Haltung der Akteure. Der Wildtoeter hat keine Ausbildung im klassischen Sinn. Seine Schule ist vielmehr die Natur und die ist nach den Worten Coopers "das geschriebene Buch Gottes". Der Wildtoeter hat in diesem Buch gruendlich gelesen, denn sein Charakter und seine moralische Haltung lassen nichts zu wuenschen uebrig. Der Wildtoeter ist tapfer, asketisch, uneigennuetzig, gerecht gegen alle Rassen und Klassen, kurzum ein Ausbund aller moeglichen Tugenden, fast ein Heiliger.
Wenn der Wildtoeter ueber diese, seine moralische Haltung, spricht, dann doziert er druckreif und das oft ueber eine ganze Seite. Auch als dem Leser seine politische Korrektheit sattsam bekannt ist, hebt er immer wieder zu neuen Monologen an. Vollernds unglaubwuerdig wird diese moralische Hybris, als der Wildtoeter den Heiratsantrag der schoenen Judith ablehnt. Das einsame Leben in den Waeldern, so die Moral der Geschichte, ist den Wonnen von Sex und Familie vorzuziehen. Bei diesem Mann wuerde man heutzutage Autismus diagnostizieren.
Ganz im Gegensatz dazu stehen die anderen weissen Grenzer. Fuer sie sind die Indianer wilde Tiere, die man schnellstens von ihre Skalps befreit, damit es ein Kopfgeld vom britischen Gouverneur gibt.
Auch die weissen Frauen sind voller Makel. Judith, die oben erwaehnte Schoenheit, ist zu sehr den materiellen Reizen der Zivilisation erlegen. Nur ihre schwachsinnige Schwester Hettie naehert sich dem moralischen Standpunkt Wildtoeters.
Fuer meinen Geschmack gibt es in Coopers Universum zu viel Schwarz und Weiss, und die Charaktere, die es bevoelkern, sind einfach zu flach und stereotyp um glaubwuerdig zu sein.
Cooper wird oft geruehmt, er habe den Indianer fuer die Amerikanische Literatur entdeckt, aber was sind das fuer Indianer? Finsterlinge, die in Grashuetten wohnen, ihre Gefangenen foltern und auf wertlosen Glitzerkram stehen. Viel mehr erfahren wir nicht! Na ja, wenigstens treiben sie mit ihren Missetaten die Handlung voran. Auch die Beschreibung von Chingachgook, immerhin der beste Freund Wildtoeters, ist hoelzern und oberflaechlich. Mir scheint, dass die Indianer in diesem Roman nur als Projektionsflaeche fuer die moralischen Haltungen der Weissen dienen. Ihr Auftreten ist Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck.
Ueberhaupt sind die Schilderungen des Autors sehr langatmig. Das trivialste Detail, der banalste Gedanke, alles wird dem Leser ausfuehrlichst serviert, egal ob der Wildtoeter gerade ein Stueck Wild braet oder vor den Rothaeuten fluechtet.
Schoen finde ich die Naturbeschreibungen, aber auch sie reichen nicht an die Grossen der Franzoesischen und Russischen Literatur heran.
Fazit: Wenn man dieses Buch gelesen hat, fragt man sich, warum Cooper zu den Klassikern zaehlt.