Puh - wo fange ich an? Jedem Progrock-Fan (von YES bis PORUPINE TREE) muss ich dieses Album ans Herz legen! Dem MOTORPSYCHO-Novizen empfehle ich, sich über einschlägige Internetseiten mit der über 20jährigen Historie der norwegischen Rocker vertraut zu machen - das würde hier den Rahmen sprengen. Genau so würde ich dem MOTORPSYCHO-Novizen Alben wie "Trust Us" oder "Black Hole / Blank Canvas" als Einstiegsdroge empfehlen. Denn "The Death Defying Unicorn" ist ein derartiger Brocken, dass er als Einstieg verschrecken könnte. Sich dann nicht weiter mit dem Werk zu beschäftigen, wäre ein Verlust für jeden Rockfan, der gerne mal über den musikalischen Tellerrand schaut und im Musikkosmos nach Sternen abseits des Mainstream sucht.
Ich zähle mich zu den Psychonauten (langjährigen MOTORPSYCHO-Fans) - und selbst mich hat dieses Rock-Monument beim ersten (und intensiven) Hören ins Sofa zurückgedrückt. Ich wollte in das Konzeptalbum eintauchen wie ins Meer und wurde zunächst von mannshohen Wellen zurück an den Strand gespuckt. Wo wir gleich beim Thema sind: inspiriert wurde diese musikalische Tour de Force unter anderem von Homers "Odyssee" und Herman Melvilles "Moby Dick". Wer der englischen Sprache kundiger ist als ich, mag mir gerne die Details dieser Havarie-Geschichte übersetzen - musikalisch jedoch kann man die sturmgepeitschte Hochsee mit nasskaltem Schiffbruch kaum besser bebildern.
Was geht musikalisch dabei ab? Zu allererst: progressiver Rock der alten Schule (erinnert zeitweise an die alten YES) - ergänzt um acht Jazz-Bläserinnen (Trondheim Jazz Orchestra) und ein Streicherensemble, die den Rahmen des Rock'n'Roll immer wieder sprengen in Richtung Jazz oder Kammermusik. Manchmal findet auch alles gleichzeitig statt.
Ein jazziges Instrumental-Intro ("Out Of The Woods") gibt einen ziemlich fiesen Opener, in dem sich die E-Gitarren einschleichen und schließendlich das gesamte Rock-Orchester mobilisiert wird und den dramatischen Grundton des Albums vorgibt ("The Hollow Land"). Ein trügerisch dezenter Gesangspart mit Akustikgitarre bläst alsbald zum Aufbruch bei stetig steigendem Wellengang: das Rock-Chaos nimmt seinen Lauf. Das 16minütige "Through The Veil" holt mit einem freejazzigen Intermezzo etwas Luft, nur um dann treibend an die Ruder zu gehen. Am Horizont zieht indes bereits der drohende Sturm auf; Rock und Jazz peitschen gemeinsam die kalte Gischt ins Gesicht, das Schiff gerät vorübergehend in das Auge des Sturms, doch die Stille trügt. Im Instrumental "Doldrums" singen die Sirenen ihr trügerisches Lied, um die Seefahrer in die Tiefe zu locken (hier macht das Album einen Ausflug in die Begleitmusik eines Soundtracks). "Into The Gyre" beginnt mit einer schönen, melancholischen Melodie (erstmals Melodie!). Was in diesen zehn Minuten passiert, klingt wie ein 40 Jahre altes Kleinod, das in YES-Archiven wiederentdeckt wurde; der Song wird nach 6 Minuten zu einem wirbelnden Mahlstrom, der letztlich die gesamte Mannschaft über die Planke gehen lässt. Im abschließenden "Flotsam" treiben die Überlebenden zu dem Klang einer einsamen Violine in der ruhigen See und klammern sich an die Trümmerteile ihres Schiffes.
Teil 2 dieses Epos nimmt einen kammermusikalischen Einstieg. "Oh, Proteus - A Prayer" beginnt wie ein Requiem - ein anschwellender Chor zu klagenden Streichern schafft eine Stimmung, die einen wie Blei hinunter in die Tiefsee ziehen will. Ein dunkler, fuzziger Bass drückt den Kopf unter die Wasseroberfläche, die beiden folgenden Intrumentals "Sculls In Limbo" und "La Lethe" malen mit nicht greifbaren Ambient-Klängen die dunkelblaue Unterwasserwelt vor Augen, wobei letzteres Stück mit anschwellender Dynamik und einem schön griffigen Saxophon-Solo nach fünfeinhalb Minuten so gerade noch erste Längen in der Story umschifft. Nach orchestralem Ausklang greift "Oh, Proteus - A Lament" noch einmal kurz das Klagelied vom Anfang auf, ehe sich die angejazzte Ballade "Sharks" fast lethargisch in ihr Schicksal ergibt. Schweineorgel, Bläser, Streicher und Band bäumen sich noch einmal auf und brechen sich in einem MOTORPSYCHO-typischen 70er-Jahre-Rocker Bahn ("Mutiny!"). Ab Minute 2:48 verneigen sich die Norweger mit einem wohlbekannten Song-Intro vor den großen Yes ("Changes", 1982) und ergehen sich in einem psychedelischen Gitarrensolo - denn was eingängig beginnt, muss ja nicht so beibehalten werden. Nach achteinhalbminütigem Dampf im Kessel geht "Into The Mystic" auf die Zielgerade, greift noch einmal das anfängliche Thema von "The Hollow Lands" auf, um mit einem versöhnlich optimistischen Paukenschlag recht abrupt zu enden.
"The Death Defying Unicorn" ist ein Konzaptalbum im besten, klassischen Sinne und holt die Progrock-Tradition der 70er Jahre mühelos und klischeefrei ins 21. Jahrhundert. Im musikalischen Gesamtkonzept gerät die stilistische Einordnung völlig zur Nebensache. Daher können die Richtungen Rock, Jazz und Kammermusik auch so hervorragend neben- und miteinander bestehen. Das Album hat eine sehr eigene Grundstimmung, die konsequent beibehalten wird - und das alles ohne breitflächige Keyboardteppiche und Elektronikspielereien, die heutzutage im Neo-Progrock gern alles einebnen und zukleistern.
Das Album besticht zweifellos vor allem als Gesamtwerk: ein irrwitziges Monument, eine Hommage an die Musik, die sich nicht anbiedert, eine musikalische Vision, die hier kompromisslos ins Leben gerufen wurde, ohne kommerziell gefallen zu wollen. Und so kann man es lieben oder hassen - das bleibt Geschmackssache, aber wem es gelingt, sich auf dieses Brett einzulassen, dem zaubert es ein Strahlen aufs Gesicht: virtuos, phantasievoll und hochklassig ist dieser Rock-Soundtrack allemal, und das muss im großen Musikzirkus erst mal einer nachmachen. Die Zeit muss es zeigen, aber ich kann mir vorstellen, dass dieses Werk das Zeug zum Meilenstein hat. Also: unbedingt anhören - aber bitte nicht die Schwimmweste vergessen! Sail on, psychonauts!