Eigentlich hatte ich Fat Joe nach dem unfassbar peinlichen Autotune-Kirmesrapalbum "J.O.S.E. 2", dem verzweifeltesten aller Versuche an damalige Erfolge anzuknüpfen, als ernstzunehmenden Künstler fast abgeschrieben. Seit "What's Luv" kam er ja ständig mit diesen dubiosen Radiosingles, auf denen er kramphaft dem derzeitigen Trend hinterherjagte, ohne wirklich sein Ziel zu erreichen. Man nahm diese Entgleisungen bisher mit einem Schmunzeln hin, da der Rest seiner Alben größtenteils aus altbewährten Bronx-Tales auf schwerem Boombap-Gerät bestand, wofür Joey Crack bei seiner treuen Fangemeinde so beliebt ist. Während es auf dem schon beachtliche Verschleiserscheinungen aufweisenden "Elephant In The Room" noch eine DJ Premier-Reunion und KRS-One auf Alchemist-Beats zu hören gab, kann man "J.O.S.E. 2" bis auf eineinhalb Ausnahmen getrost als Paradebeispiel für billigen "Für-jeden-was-dabei"-Poprap und die widerlichste Form von Sell-Out bezeichnen.
"Hits" wollte man machen, "Sample-Beats mit gescratchten Hooks auswählen und darüber spitten" wäre doch "das Einfachste", man mache sowas "im Schlaf". Mag ja sein. Nur, wenn man das, wofür man geschätzt wird und was man am Besten kann einfach aufgibt, darf man sich nicht über eventuelle wirtschaftliche Schäden wundern. Nicht, dass ich Joe sein Gespür für Hits absprechen will, immerhin hat er mit "Lean Back" einen der größten Clubbanger der letzten zehn Jahre hervorgebracht. Aber "Lean Back" war eben "Lean Back": raw, authentisch, aus dem Bauch heraus - nicht konstruiert, weichgespühlt und unästhetisch. Die Massen jedenfalls dankten Joey seine "Weiterentwicklung" mit vernichtenden 8.800 Einheiten in der ersten Verkaufswoche. Da passt die oft zitierte Jay-Z-Line "Man lie, women lie, numbers don't" wie die Faust auf's Auge. Don Cartagena's Höhenflug wurde schlagartig beendet, er muss wohl umgehend nach der Veröffentlichung der Zahlen in Miami seine Koffer gepackt und den nächsten Flieger zum JFK genommen haben - heim in die South Bronx, wo er hingehört. Dem entsprechend wird auf seinem mittlerweile neunten Soloalbum mit dem unmissverständlichen Titel "The Darkside Vol. 1" wieder die Fo-Fo poliert und statt "Cupcakes" wieder pures Crack geköchelt. Dem Himmel sei Dank.
Der schlicht mit "Intro" betitelte Opener macht am Anfang schonmal gut Druck mit hektischen Percussions, eindringlichen Strings und opernhaften Vocalloops aus Scram Jones' Bastelstube, die seit seiner überragenden Arbeit auf "Only Built 4 Cuban Linx Pt. II" die Adresse für bangenden NeoBoombap zu sein scheint. Joe spittet in seinem aggressiven, aufdringlichen Flow ignorante Ansagen wie "More coca to taste, more b*tches to beat up / Got lips like Meagan Good and an a*s like Vida / Most n*ggas'll go down if she'd tell 'em to eat her / But she don't love me no more, she saw my episode of 'Cheaters'" und feuert wieder in Richtung 50 Cent: "We gon' throw the biggest party when Curtis die". Wie gemein. Die langjährigen Weggefährten und Miami-Nachbarn Cool & Dre bauen aus The Montclairs' "Do I Stand A Chance" ein sehr souliges und für den Titel "Valley Of Death" eher zurückgelehntes Musikstück, auf dem Joe es konsequent hardcore hält. Starker Track, ich hätte ihn allerdings eher weiter hinten, als an zweiter Stelle platziert.
Für "I Am Crack" kam Just Blaze glücklicherweise von seinem Eurodance-Trip runter und lacet einen finsteren NY-Stomper mit dem Rocksample von Jada's 08'er Streetsingle "Who Run This", welches hier noch effektiver geflippt wurde. Auf zischenden Hi-Hats und düsteren Sounds greift Joe das altbackene Konzept des personifizierten Rauschmittels originell auf, indem er selbst die Rolle der Droge einnimmt, und zeigt nebenbei, was noch aus der Finesse'schen Metaphernschule hängengebleiben ist. Qualitativ steht "I Am Crack" der ersten Just Blaze/Fat Joe-Kollabo "Safe To Say" in nichts nach, die Beiden sollten definitiv mehr Studiozeit miteinander verbringen. Ebenfalls auf einem bereits verwendeten Sample basiert "Kilo" mit Tickerkollegen Clipse und Killa Cam, diesmal zieht Joe's Version leider den Kürzeren: Ghostface und Raekwon haben vor vier Jahren für einen Song von Ghost's "Fishscale" genau die selbe Hook aus dem Kinderlied "I Weigh With Kilos" verwendet. Deren erdige Version ist mir um einiges lieber als der leicht seelenlose Synthietrack von DJ Infamous, trotz Cam'Ron's unterhaltsamer Gesangseinlage. Der zweite solide Infamous-Beitrag "Rappers Are In Danger" haut mich auch nicht wirklich vom Hocker. Falls der Song an KRS-One's gleichnamigen 95'er Premo-Banger angelehnt ist, frage ich mich, warum er denn nicht auch von Preem produziert wurde.
Nach dem eher schroffen ersten Albumdrittel folgt eine Handvoll berüchtigter Radiosingles und Clubsongs. Für letztere ist Kid Frost's Junior Scoop DeVille verantwortlich, der Fettem Joey und Jungem Jeezy mit "Slow Down (Ha Ha)" sogar so etwas wie einen Hit verschaffte. Diesmal beging Joe nicht den Fehler, einfach einen Jeezy-Song auf sein Album zu packen, sondern pickte stilsicher ein zu beiden Kollaborateuren passendes Instrumental, auf dem besonders der in letzter Zeit ständig über sich hinauswachsende Young Jeezy eine gute Figur macht. Auf dessen "TM 103" freue ich mich schon wie ein Honigkuchenpferd. Etwas beliebig erscheint mir "No Problems" mit Rico Love, für das Scoop Deville das Drum-Pattern aus Snoop's "I Wanna Rock" fast eins-zu-eins übernimmt, ohne auch nur ansatzweise dessen Energielevel zu erreichen. Dazwischen tummelt sich noch die obligatorische LL-Imitation "If It Ain't About Money" mit Trey Songz an der Hook und Cool & Dre am gut arrangierten Synthie-Beat. "How Did We Get Here" mit R.Kelly versprüht zwar durch Raw Cut's kraftvolle Drums und gepitchte Vocals einen gewissen Reiz, kann aber nichts gegen "We Thuggin'" oder Kells' andere klassische Rapkollabos. Sehr angenehm ist die verspielte, den legendären "Pain"-Track samplende 2Pac-Hommage "Money Over B*tches", produziert von Raw Cut, mit TA und Too $hort am Gastreim. Alle Beteiligten brennen vor Inspiration, Joe sammelt fleißig Sympathiepunkte mit lauter Pac-Referenzen und $horty The Pimp schießt mit "Nah b*tch, It just won't happen / I'm just like Joe - I won't stop rappin" den Vogel ab.
Der seit 2006 auf jeder Fat Joe-LP gefeaturete Lil Wayne macht diesmal die Hook für das introspektive "Heavenly Father", verzichtet freundlicherweise auf Autotune und setzt stattdessen sehr effektiv den Low Pitch-Effekt ein. Das Instrumental stammt von Streetrunner, der wie immer mit der Fusion aus Synthies, Schnellfeuersnares, Soulsamples und -Vocals ein elegant zwischen ATL- und NY-Ästhetik schwebendes Soundbild kreiert. Joe schüttet auf dem u. a. mit Big Pun's Witwe abrechnenden Song derart kunstvoll und zugleich authentisch seine Seele aus, fast vergisst man, dass Young Chris den Beat mitsamt Weezy-Hook zuvor schon für sich verwendete. Unter anderem heisst es: "I paid n*ggas rents, even paid n*ggas bails / Gave n*ggas jobs, so they wouldn't go to jail / Did so much dirt, n*ggas knew I wouldn't tell / Paid for some funerals, they propably went to hell".
Zu meiner großen Freude legt Joey Crack schon zwei Jahre nach seinem langersehnten Zusammentreffen mit DJ Premier auf dem Überbrett "That White" mit "I'm Gone" den nächsten Premo-Banger nach. Genau einen Tag nachdem MC-Legende und zweite Hälfte von Gang Starr, Keith Elam aka Guru (R.I.P.) verstarb, entstand dieser sechsminütige Song, der die Atmosphäre dieser Tage für die Ewigkeit einfängt. Begleitet von melancholischen Celli und einem traurigen Pianolick, widmet Joe Guru die ersten Zeilen seiner 32 Bars: "Premo on this beat, yeah I know it sounds different / But his man's just passed, his soul's just risen / A cold, cold world is the word that was given / As he'd seen me, fifteen with a burner out of prison / Gangster, f*ck that, I'm Gang Starr / Tell Nas Hip Hop's dead now, my man's gone". Die letzten dreieinhalb Minuten läuft der Beat einfach durch und Joe gibt Shout Out's an D.I.T.C., dankt Chris Lighty dafür, dass er ihn von der Sraße gesignt hat, u.s.w. In dieser Form würde das Stück das Album perfekt abschliessen, wäre da nicht der nachträglich draufgeklatschte Bonustrack "At Least Supremacy" mit einem wahnsinnigen Busta Rhymes an der Hook. Das bedrohliche Cool & Dre-Monstrum aus fiesen Strings, gruseligen Backgroundchören und gewaltiger Bassline verschlingt der dicke Josef mal eben im Ganzen, als wäre er hungriger als ein nordkoreanischer Gulag-Insasse. Derber Track, nur leider völlig deplatziert. In der ersten Hälfte des Albums hätte er den ohnehin schon erfreulich positiven Gesamteindruck noch um Einiges verbessert.
Er scheint's wohl begriffen zu haben. Mit der Rückbesinnung auf seine Hardcorewurzeln schlägt Joe im letzten Moment vor einer fatalen Kollision das Ruder um. Mit einem solchen Album sind auch desaströs niedrige Verkaufszahlen nicht allzu peinlich, wie mit einer LP voller vermeintlicher "Charthits". Da es sich bei "The Darkside" auch noch um "Volume 1" handelt lässt beruhigt annehmen, dass Joe diese Richtung in Zukunft weitergehen wird. Dennoch hinterlässt auch dieses Werk wieder den faden Beigeschmack vom Opportunismus eines verzweifelt um Relevanz ringenden Künstlers. Wenn man mal überlegt: In den Neunzigern wäre Fat Joe's Karriere nach einem Album wie "J.O.S.E. 2" radikal beendet gewesen.
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