Da hier über den geschichtlichen Hintergrund und die beteiligten Musiker schon allerhand gesagt worden ist, möchte ich etwas näher auf die Aufmachung und die technische Seite der CD eingehen.
Das 64-seitige Begleitheft der Dreifach-LP wurde schon für die '92er Sony-CD stark gestrafft. Die vorliegende Neuauflage ist gelungen; ich vermisse aber doch das Original-Booklet. Dafür wiederum orientiert sich der Pappschuber samt CD-Papphüllen erfreulich nah am Original-Design.
Im neuen Mix klingt die Platte wärmer und dabei doch differenzierter als das etwas metallisch und blechern klingende Original-Album und die '92er CD. Ich bin allerdings nicht so glücklich mit der Entscheidung, dass die beiden Schlagzeuger (Jim Keltner und Ringo) dieses Mal im Stereopanorama nicht wie früher rechts und links getrennt, sondern streckenweise übereinander geschichtet zu hören sind.
Es gibt einige Kürzungen beim Applaus, z.B. bei den Ansagen von Harrison und Ravi Shankar zu Beginn des Konzertes und bei Georges Band-Vorstellung. Ebenso wurde der Zugabenapplaus zwischen Something und Bangla Desh sowie der bei Georges Ankündigung von Bob Dylan drastisch gekürzt. Wirklich bedauerlich, dass die Atmosphäre vorm Jumpin' Jack Flash-Medley sowie die Ansagen bezüglich der kleinen technischen Schwierigkeiten mit den Mikrofonen vor Beginn von Here comes the Sun völlig rausgeschnitten wurden - diese Schnitte waren nicht wirklich nötig (so viel Zeit muss sein) und nehmen einfach etwas von der Konzertatmosphäre.
Dafür kann ich jetzt bei Something und While my Guitar gently weeps die Gitarren viel besser heraushören (hatte Something immer schon eine hörbare Akustikgitarre?). Ich habe Eric Clapton allerdings nie wieder so dilettantisch Gitarre spielen gehört wie bei dieser Version von While my Guitar gently weeps (sein - von ihm selbst auf der parallel erschienenen DVD eingestandener - Tribut an seine damalige Heroinsucht); bei der Studioversion (1968) und bei den Live-Versionen mit Harrison (1987 "Prince's Trust", 1991 Harrisons "Live in Japan") und beim "Concert for George" (2002) spielte er seine Soli wie gewohnt meisterhaft.
Witzig finde ich die kleinen kosmetischen Eingriffe digitaler Art: Harrisons vorgezogener Schlusskord bei Here comes the Sun und der leicht verpatzte Gesangseinwurf bei Youngblood wurden angeglichen. Auch das fette "Klonk", das Dylan bei It takes a Lot to laugh... auf dem Original-Album und im Original-Film mit seiner Harp am Mikro verursachte, hat man eliminiert. Ebenso wurde dank digitaler Technik kaschiert, dass George einige Passagen von While my Guitar gently weeps im Studio neu eingesungen hatte; auf dem Original-Album konnte man seinen Live-Gesang stellenweise noch parallel im Hintergrund mithören.
Schade finde ich, dass Wah-Wah auch hier wieder fürs Album in der gekürzten Version (3:18) und nur für die DVD in der ungekürzten Film-Version (5:18) veröffentlicht wurde. Gut, das hatte vielleicht spieltechnische Gründe; aber hier wäre doch mal ein willkommener Anlass gewesen, diese kleine Rarität einzuschieben.
Dass Ringo gleich mehrere Zeilen seines eigenen damals aktuellen Hits It don't come easy improvisieren muss, läßt einen schmunzeln! Bei den Dylan-Titeln fällt auf, dass Georges Slide-Gitarre bei A hard Rain's a-gonna fall und It takes a Lot to laugh... stellenweise bis zur Unhörbarkeit in den Hintergrund gemischt wurde, ganz nach Koproduzent Phil Spectors Philosophie, dass Gitarren manchmal eher gefühlt als gehört werden sollten. Beim Vergleichstest wird auch klar, warum: George spielte bei den beiden Titeln noch nicht so gut, und seine Gitarre klang ziemlich scheppernd! Ich sage das mit allem Respekt gegenüber meinem Lieblings-Beatle.
Erschien Mr. Tambourine Man nicht im Film (vermutlich mussten an dieser Stelle im Konzert gerade die Filmrollen für alle 3 Kameras gewechselt werden), so werden wir hier dafür mit einer schönen Version von Love minus zero/No Limit (vom Nachmittagskonzert) als Bonustrack belohnt.
Punktabzug müsste es eigentlich dafür geben, dass hier - schon wieder - die Gelegenheit versäumt wurde, die Studio-Version von der Bangla Desh-Single endlich mal remastert als Bonustrack anzufügen, wenn sogar dessen B-Seite, Deep blue - wenn auch etwas deplaziert - 2006 auf dem Remaster von "Living in the Material World" erschien! Egal, ich höre mir das Album auch im Remix sehr gerne an, und es behält seine 5 Sterne.
Bleibt noch anzumerken, dass rund die Hälfte der beteiligten Musiker alte Bekannte von Joe Cockers "Mad Dogs & Englishmen"-Entourage und natürlich auch von Georges Hit-Album "All Things must pass" vom Vorjahr waren, und dass ich durch dieses Album Leon Russell entdeckt habe, angefangen mit "Leon live" ('73), auf dem er eine noch längere Fassung seines Medleys aus Jumpin' Jack Flash/Youngblood bringt; besser bleibt jedoch die auf dem "Concert for Bangla Desh".