Vor drei Jahren veröffentlichte Sony eine
Neubearbeitung der frühen Aufnahmen mit dem New York Philharmonic Orchestra. Dies Remastering beruhte auf den originalen Multikanalbändern und bedeutete eine wesentliche Verbesserung der bis dahin klanglich unbefriedigenden Situation. Die Dynamik ist nun höher, die Instrumente klingen natürlicher, das Orchester insgesamt räumlicher; die Musik ist besser durchhörbar, klarer, was gerade in Fortissimopassagen viel ausmacht. Seitdem kann diese Sony-Edition mit der später entstandenen der
DG auch klanglich weitgehend konkurrieren.
Auf der anderen Seite können die Verbesserungen nicht überdecken, dass die Aufnahmen vor etwa 50 Jahren entstanden sind. Freunde eines weichen Klanges werden enttäuscht sein. Die Höhen sind betont, die Streicher klingen häufig, aber nicht immer, etwas dünn. Der Bass kommt trocken, aber nicht so voll und samtig, wie es sein könnte.
Nun hat Sony seinen Zyklus schon wieder herausgebracht, mit geringfügigen Änderungen. Das neue Cover wirkt äußerst seriös, pechschwarz dominiert. Sollte man kaufen?
Nein, wenn man die
2009er Box besitzt, denn Sony hat technisch nichts geändert. Wer dagegen ältere Bearbeitungen besitzt, erhält hier klanglich eine lohnende Verbesserung zu einem moderaten Preis.
Die Mahlerverrückten wie ich besitzen diese Aufnahmen längst und natürlich den 'Konkurrenzzyklus' der DG. Für die Klügeren, die mit einmal Bernsteinmahler zufrieden sind, versuche ich einen Vergleich, der ob der Komplexität des Themas naturgemäß oberflächlich bleiben muss.
Sinfonie #1:
Sony: Im ersten Satz kommen die Schönheiten der Partitur, speziell in den Naturbildern, wundervoll zur Geltung; zugleich verdeutlicht Bernstein die für Mahler so typischen Irritationen und Brechungen - die Natur ist keineswegs nur schön, sondern zugleich archaisch und bedrohlich, wie es im ersten Satz der Dritten überdeutlich wird. Es folgen ein recht langsamer Ländler mit noch langsameren Trios und ein dritter Satz mit eher zurückhaltend gestalteter Parodie. Die Coda mit ihrer machtvollen Klimax kommt äußerst effektvoll.
DG: Die Interpretation ist im Grundsatz unverändert, auch wenn die langsameren Tempi einige Passagen etwas anders wirken lassen; die Aufnahme klingt weicher und voller.
Welche die "bessere" ist? Ich sehe sie gleichwertig, die New Yorker etwas spontaner und lebendiger, die exzellent spielenden Amsterdamer mit warmem Klang und mehr Details. An die tiefen, geschlossenen Deutungen, die wir von
Horenstein und
Walter kennen, kommen beide Varianten aber nicht ganz heran.
Sinfonie #2:
Sony: Bernstein "durchlebt" die Sinfonie, man könnte häufig meinen, ein Livekonzert zu erleben. Er ist emotional, intensiv, impulsiv und trifft nach meiner Meinung das Wesen dieser großen Musik. Freilich kann die vokale Seite nicht überzeugen.
DG: Mit Ludwig und Hendricks haben wir hier Sängerinnen anderen Kalibers. Bernstein wählt ungewöhnlich langsame Tempi, besonders in den Ecksätzen. Es spricht für sein Können, sie dennoch zusammenzuhalten. Das "Urlicht" kommt mir mit 6:19 Minuten überdehnt vor. Diese extrem subjektive Aufnahme kann eine starke Sogwirkung erzeugen, aber wenn man als Hörer den Faden verliert, kann sie auch langatmig wirken.
Sinfonie #3:
Beide Fassungen ähneln sich. Mahlers gewaltigem Anspruch, eine Welt erschaffen zu wollen, bleibt Bernstein auf packend Weise gerecht. Dies Werk darf nicht akademisch gespielt werden, weil dann zuviel seines Ausdrucks verlorengeht. Wir hören eigenwillige, zugespitzte, hochdramatische Interpretationen, in denen die Musik sich austoben darf; und das passt bestens zu diesem Werk. Großartige Aufnahmen.
Sinfonie #4:
DG: Für mich ist die Aufnahme nicht konkurrenzfähig, weil ich Bernsteins Eigenmächtigkeit, im vierten Satz einen Knaben statt des geforderten Soprans singen zu lassen, nicht ertragen kann - so schön die Stimme klingt, mit dem äußerst schwierigen Text kann der Junge naturgemäß nichts anfangen.
Sony: Wir haben hier den Glücksfall, mit Reri Grist eine der besten Sängerinnen dieser kurzen, aber schwierigen Rolle hören zu dürfen. Bernstein spielt die Schönheiten der Musik, besonders im dritten Satz, voll aus, ohne die Doppelbödigkeit des Werks zu verschleiern. Eine großartige Aufnahme.
Sinfonie #5:
Sony: Seltsam, wie dünn das doch so ausdrucksstarke Marschthema von den Trompeten intoniert wird. Die Aufnahme klingt schlecht, die New Yorker spielen unter ihren Möglichkeiten. Am ehesten ist der dritte Satz gelungen, aber schon das Adagietto wirkt zäh und schlichtweg zu langsam.
DG: Hier haben wir mit den Wienern ein viel besser spielendes Orchester in viel besserem Klang. Bernstein wählt zum Teil deutlich langsamere Tempi als zuvor, variiert freilich äußerst großzügig. Akzeptiert man diese Eigenart und seine emotionale Darstellung, ist dies eine packende Fünfte, obwohl sie für mich deutlich gegenüber den Spitzenaufnahmen von Barbirolli, Walter und vor allem Barshai (eine Sensation) abfällt.
Sinfonie #6:
Hier ist die Entscheidung leicht: Die Sonyaufnahme mag gut oder gar sehr gut sein, was Bernstein mit den Wienern bietet, ist phänomenal, auch klanglich. Dies überbordende Werk wird ohne Abschwächung ausgelebt, voller Dramatik, Zuspitzung, Verstörung, Zerstörung. Die ersten zwei Sätze - er spielt das Scherzo an zweiter Stelle - bilden eine dämonische Einheit; im Andante riskiert er ein ruhiges Tempo, ohne in Rührseligkeit zu verfallen. Das Finale muss man hören, beschreiben lässt sich dies Ereignis nicht.
Allein Mitropoulos überbietet dies in seiner 1955er Aufnahme aus New York. Leider klingt sie mäßig, und das Publikum liefert unerwünschte akustische Begleitung.
Sinfonie #7:
Sony, DG: Dies seltsame Werk wird bei ihm zu einem Abenteuer: Er nimmt uns mit auf eine Reise voller Farben und Überraschungen, und so werden die (scheinbaren?) Banalitäten und Stimmungswechsel unproblematisch - wir reisen, und die Welt ändert sich eben. Dies ist kurzweilig und sogar im scheinbar glückseligen C-Dur-Finale gut genießbar.
Beide Versionen klingen sehr gut, ich ziehe die etwas lebendigere, frischere New Yorker vor.
Sinfonie #8:
Zu Mahlers Achten habe ich auch über Jahrzehnte keinen Zugang gefunden; die einzige Aufnahme, die ich ohne Widerwillen hören kann, ist die von Mitropoulos.
So genüge der Hinweis, dass die 1966er Aufnahme nach Meinung vieler Kritiker hervorragend ist. Bernsteins Tod hat die geplante Aufnahme für DG verhindert, man hat dort zum Zwecke der Vervollständigung - ein kompletter Zyklus verkauft sich schließlich besser - eine miserabel klingende Rundfunkaufnahme beigefügt, die auch künstlerisch zweitklassig ist.
Sinfonie #9:
Sony: Bernstein spielt dies tiefe Werk weniger exzessiv und dramatisch, als man es bei ihm erwarten durfte. Damit rückt er zugleich näher an konventionellere Auffassungen heran, nicht spektakulär, aber überzeugend. Diese Aufnahme profitiert besonders vom Remastering.
DG: Die Klimax im ersten Satz, die im letzten und das langsamer und langsamer werdende Verebben bilden große Momente einer lohnenden Aufnahme. Freilich sind die Tempi derart langsam, dass besonders die Ecksätze zu zerfasern drohen; da Bernstein zudem relativ zurückhaltend auftritt, entstehen Längen, zumindest für mein Empfinden.
Die Aufnahme klingt weich und angenehm, aber wenig präsent, das Orchester nicht so voll, wie man es von 1985er Technik erwarten darf.
Trotz der einschränkenden Bemerkungen liegen hier zwei unbedingt hörenswerte Aufnahmen diesen Wunderwerkes vor, Bernstein hat uns viel und Unterschiedliches zu sagen. Nach meinem Geschmack erreicht er aber nicht ganz die Geschlossenheit, die
Walter,
Horenstein und
Barbirolli bieten.
(Seine nach meiner Meinung beste Interpretation hat Bernstein
1979 mit den Berlinern aufgenommen. Dort spürt man eine besondere Intensität, wie sie nur in besonderen Livemomenten entstehen kann; freilich gibt es etliche störende Geräusche.)
Fazit:
Wer diese Box oder die der DG kauft, erwirbt großartige Musik in zumeist herausragenden, wichtigen, ausgeprägt persönlichen Deutungen.
Das künstlerische Niveau ist durchgängig sehr hoch, nur drei Aufnahmen fallen ab: Die Yorker Fünfte sowie die Vierte und Achte der DG kann ich nicht empfehlen.
Bei den ersten drei Sinfonien liegen Sony und DG künstlerisch insgesamt gleichauf, auch wenn interpretatorisch deutliche Unterschiede vorhanden sind.
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