Preisfrage: Woran denkt man zuerst, wenn man den Namen FLOTSAM & JETSAM hört ? Na, ist doch klar...das ist die Band des ehemaligen Bassisten Jason Newstedt, der Ende der 80er Jahre von METALLICA abgeworben wurde. Ach ja, außerdem veröffentliche die Band mit "Doomsday for the deceiver" und "No place for disgrace" zwei wirklich herausragende Scheiben, die bei allen Thrash/Speed-Bangern bis heute berechtigterweise Klassiker-Status genießen. Mit den Nachfolge-Werken (u.a. "Cuatro" , "Dreams of death" oder "My god") konnte die Band jedoch leider nicht mehr viel Aufsehen erregen, versank zwischenzeitlich in der Versenkung, und wandelt seitdem konstant auf dem schmalen Grat zwischen Split und Reunion.
Das klägliche Schattendasein von FLOTSAM & JETSAM könnte jetzt allerdings eine freudige Wendung nehmen - denn mit dem brandneuen Longplayer "The cold" hat das Quintett ein Album in der Hinterhand, das die europäische Fach-Presse bereits seit mehreren Monaten euphorisch im Dreieck springen lässt. Und die Vorschusslorbeeren von "The cold" sind in der Tat mehr als berechtigt. Auf den 10 Songs kommen die rüden Thrash/Speed-Roots der Frühphase zwar nur noch recht selten zum Ausdruck...dafür überzeugen FLOTSAM & JETSAM anno 2011 jedoch vor allem als gereifte Band, die mehr und mehr dem Power-Metal-Genre zugerechnet werden muss.
Kraftvoll und ausdrucksstark präsentiert sich der Ami-Fünfer als allerbeste Ergänzung für alle Fans von NEVERMORE , ICED EARTH , METAL CHURCH oder VICIOUS RUMOURS, und muss in Punkto Melodieführung nicht die geringsten Weltklasse-Vergleiche scheuen. Dabei kann sich die Band sogar den Luxus erlauben, mit "Hypocrite" den schwächsten Song des Albums gleich als Opener ins Rennen zu schicken. Musikalisch sind FLOTSAM & JETSAM zwar voll auf der Höhe, lassen aber beim unerwartet stumpfen Refrain die nötige Klasse vermissen. Aus ganz anderem Holz sind da schon Songs wie "Take" , "Secret life" , "Always" , "K.Y.A." oder die von vorn bis hinten perfekt ausgearbeiteten Halbballaden "The cold" und "Better off dead" (sehr schön!) geschnitzt, bei denen Frontsirene Eric A.K. seinem Ruf als herausragender Metal-Sänger mit allergrößter Bravour gerecht werden kann. Überhaupt funktioniert das Zusammenspiel aus Power und Melancholie an den meisten Stellen derart geschmiert, dass der Hörer sich keinesfalls verwundert zeigen muss, warum dieser 10-Tracker allerorten mit sooo viel Lob überhäuft wird. Tolle Highlights wie "Black eyes staring" , "Black coud" oder "Falling short" (mein Favorit!) stehen nun mal für zeitlos-unverwüstlichen Oldschool-Sound, der aber auch gleichzeitig von modernen Einflüssen nicht unberührt bleibt. Und noch mal: Diese verdammt eingängigen Gesangsmelodien, im Einklang mit dem fein akzentuierten Power-Riffing, machen echt den Unterschied. Hier muss sich kein gestandener Headbanger dafür schämen, wenn er beim Chorus von großflächiger Gänsehaut übermannt und/oder der einen oder anderen Freudenträne heimgesucht wird. Etwas ärgerlich ist hingegen die Produktion von "The cold" ausgefallen, bei der speziell der arg sterile Schlagzeug-Sound negativ ins Gewicht fällt. Aber auch die Gitarren hätten insgesamt etwas druckvoller ausfallen können, um der Scheibe letztlich den finalen Schliff zu geben. Schade! Ach ja, mit "Hamerhead" und "No place for disgrace" sind zudem zwei Bonus-Songs in Live-Versionen vertreten, die aber dermaßen verwaschen und unsauber sind, dass die Bootleg-Tauglichkeit leider nicht überstiegen wird.
Fazit: Mit "The cold" legen FLOTSAM & JETSAM ihr bestes Album seit dem 95er Machwerk "Drift" vor, und darf ab sofort wieder mit aufgeklarter Miene in die Zukunft schauen. Es bleibt abzuwarten, ob der Popularitätsschub nur von kurzer Dauer sein wird. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Im Genre Power-Metal hat die Band jedenfalls ein sehr eindrucksvolles Ausrufezeichen gesetzt!