'If you loved 'Waking Ned', you'll love this' - zu deutsch: Wer den Film 'Lang lebe Ned Devine' mochte, dem wird 'The closer you get' ebenfalls zusagen. Zu dieser Aussage versteigen sich wenigstens die Universal Studios, deren Signet die Video-Version von Aileen Ritchies Regie-Debüt aus dem Jahre 2001 ziert. Des weiteren steht da noch zu lesen: 'From the Producer of 'The Full Monty''. Solcherlei Barmen um Aufmerksamkeit wirkt fast schon verzweifelt - und zeugt davon, dass wohl auch die Werbeabteilung der Universal-Studios 'The closer you get' als ein 'Me too'-Produkt angesehen haben mag, sprich: als nicht viel mehr als den Abklatsch eines erfolgreichen Produktes.
Folgerichtig verhält sich 'The closer you get' zu 'Waking Ned Devine' und 'The Full Monty' denn auch wie die 'River Cola' aus dem Sortiment der Discountläden der Brüder Albrecht zum großen Vorbild aus Seattle: Irgend etwas scheint da in der Zutatenliste zu fehlen - oder ist es doch eher das Mischungsverhältnis der Ingredienzien, das da nicht stimmt ... ?
Anders gefragt: Welches Rezept hat 'Ned Devine' zum Erfolg gemacht - und warum funktioniert es im Falle von 'The closer you get' eben nicht?
Man nehme: einen kleinen Weiler, der so abgeschieden genug vom Gedränge und Gepränge des Weltbetriebes gelegen ist, dass einzig der Empfang von Satelliten-TV von der Ankunft des 21. Jahrhunderts kündet. Dann würfele man eine Dorfgemeinschaft aus Figuren zusammen, die mehr oder minder konservativ, bauernschlau, ungehobelt oder in einer anderen Weise agieren dürfen, die das geschulte Kinopublikum hoffentlich als den Inbegriff charmanten Hinterwäldlertums begreifen wird. Das Ganze noch vor der eindrucksvollen Kulisse der nördlichsten irischen Grafschaft Donegal in Szene gesetzt - und, voilà, schon haben wir dramatis personæ und Bühnenbild fürs irische Bauerntheater komplett: mit einem Gemeindegeistlichen, der seine Schäflein durch die Vorführung von Filmen wie Cecil B. De Milles 'Die zehn Gebote' zu erbauen sucht, einem Dorfmetzger, der den Gemeindebeau abgeben darf, einem Wirt, der nicht nur der eigenen Angetrauten schöne Augen macht - und weil selbst im hintersten irischen Heilewelt-Winkel die neue Zeit Einzug gehalten hat, darf's dortselbst, man sehe und staune, sogar eine allein erziehende Mutter geben (deren Figur irgendwo zwischen 'Landpomeranze' und 'Emanze' angelegt ist).
Anstelle eines Lottogewinns, der in 'Waking Ned Devine' einem Verstorbenen zufällt und der in der Folge für kräftigen Wirbel unter den Dörflern sorgt, sorgt in 'The closer you get' ein Film für Aufsehen: Als der Pfarrer seinen Schutzbefohlenen die ersten Szenen einer ihm irrtümlich übersandten Kopie von Blake Edwards' '10 - Die Traumfrau' an die Kirchenwand projiziert, geraten die versammelten Herren der Schöpfung angesichts einer schaumgeborenen Bo Derek gehörig in Wallung. Als einer der I(h)ren dann in der Dorfkneipe noch ein gewisses US-Magazin mit enblätterten Damen aufblättert, gelangen diese zu dem Schluss, was in ihrem kleinen Örtchen fehle, seien ein paar American Beauties vom Schlage Derek, Centerfold & Co. Was tun ... ? Schnell ist beschlossen, eine einschlägige Anzeige in einer US-Zeitung zu schalten, mit der man Damen im heiratsfähigen Alter auf die Grüne Insel zu locken trachtet. Der in gemeinsamer Anstrengung verfasste Brief wird, auch das verlangt das Klischee, von der für die Weiterreichung an den Postboten verantwortlichen Dame (Ladenbesitzerin und Schalterbeamtin in Personalunion: Ruth McCabe) über Dampf geöffnet - und alsbald verbreitet sich das Wort von den Plänen der Mannsleut' auch unter den Damen des Ortes wie ein Lauffeuer.
Das alles könnte leidlich vergnüglich sein, ist es aber leider nicht, denn sämtliche Darsteller spielen wacker gegen ein allzu sehr im Klischee versinkendes Drehbuch und eine äußerst schwerblütige Regie an. 'The closer you get' bietet nichts, das man nicht schon gesehen hätte - bis hin zu der Stippvisite, die fremdländische Fischer dem kleinen Küstenort abstatten und deren Auftritt 'Local Hero' entlehnt zu sein schein (mit dem einzigen Unterschied, dass es im einen Falle um russische, im anderen Falle um spanische Seeleute handelt). Was in Filmen wie 'Local Hero', 'Der Engländer, der einen Hügel hinaufstieg und einen Berg herabkam' und natürlich in 'Lang lebe Ned Devine' liebenswert-skurril, witzig und hintersinnig wirkt, kommt in 'The closer you get' (Alternativtitel: 'American Women') schlicht platt und provinziell daher - und dem Gros der Zuschauer, die 92 Minuten einer ohne große Höhepunkte vor sich hin dümpelnden Handlung ertragen, dürften ein paar hübsche Landschaftsaufnahmen und ein von Rachel Portman ('Chocolat') routiniert komponierter, netter Sountrack als Entschädigung kaum reichen.
Fazit: 'The closer you get' ist gut gemeint, und die Welt hat sicherlich schon handwerklich schlechtere, lieblosere und unbeholfenere Regiedebüts gesehen - aber letztlich vermittelt 'The closer you get' den bleibenden Eindruck, dass hier mehr Chancen verschenkt als genutzt wurden.
Wer Filme wie 'The Full Monty', 'Brassed off - mit Pauken und Trompeten', 'The Commitments', 'The Snapper', 'Local Hero' und 'Lang lebe Ned Devine' mag, darf 'The closer you get' eine Chance geben, sollte aber nicht zuviel erwarten: 'If you loved 'Waking Ned', you'll love this'? Eine gewagte Behauptung, die Erwartungen weckt - die der Film aber leider nur bedingt erfüllt.