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Thomas Meinecke trifft in Amerika alte Bekannte
Warum fährt einer, der in regelmässigen Abständen von der «Sehnsucht nach jener Geborgenheit, welche die Gesellschaften des roten Ostens offerierten», heimgesucht wird, ausgerechnet durch die reaktionären Südstaaten der USA? Letztlich waren es immer die Frauen, die Wenzel Assmann «in die Ferne hatten ziehen lassen», sagt er. Bei seinem Amerika-Trip, der ihn in die Hochburgen deutscher Auswanderer des letzten Jahrhunderts führt, lernt er deren drei näher kennen: Barbara, ein Halbblut böhmischer Abstammung; Angie, das «Busenwunder» aus South-Carolina, und die «schöne Rachel» aus Amish County. Das wilde Halbblut ist ihm meist am Bach zu Willen, die schwarze Angie hat einen festen Freund, und bei der keuschen Mennoniten-Tochter Rachel muss es aus Gründen strenger Konvention gänzlich mit dem Eros der Ferne sein Bewenden haben. So kommt es nicht einmal zu einer Begegnung im Rahmen des ortsüblichen «Bundelns» (to occupy the same bed without undressing), einer Sexualpraktik, über die unser schier unerschöpfliches Interesse an Brauchtumsfragen gerne die eine oder andere fachkundige Belehrung empfangen hätte.
Da in Wenzel Assmanns Amerika-Ausflug das Thema Frauen aus eben genannten Gründen nur unbefriedigend behandelt werden konnte, andererseits aber die Auswanderer-Geschichten eine eher trockene Materie abgeben, schmuggelt der reisende «Privatgelehrte aus Mannheim» im Zuge seiner Recherchen zwischen Texas und Tennessee, Louisiana und Pennsylvania die antideutschen Ressentiments, die er aus der Kinderstube eines Spontis der siebziger und achtziger Jahre herübergerettet hat, in den laufenden Text ein. Das liest sich dann so: Richard von Weizsäcker, «dessen verblödeter Geist in der Wiedervereinigung ganz besonders transparent wurde», repräsentiert eine Form von «Glaubwürdigkeit», die auf einem «durch Public Relations gesteuerten Volksbetrugsunternehmen basiert». Bushs Aussenminister Baker wird uns indes als ein «läppischer Lulatsch mit der Ausstrahlung eines Klosett-Transvestiten» vorgestellt.
Unnötig zu sagen, dass Wenzel Assmann von der «Remobilisierung einer ausserparlamentarischen Opposition» träumt und die Chile-Ausreise des «armen Honecker mitsamt seiner treuen Frau Margot» als «völkerrechtsverletzenden Zugriff Jelzins und Kohls» brandmarkt. Da schiessen wirklich noch dem ärgsten Skeptiker jener Legende von der heimelig-geborgenen Nischengesellschaft, der Hausvater Honecker mit sanfter Strenge so umsichtig vorstand, die Tränen der Empörung in die Augen. Der konspirative Szene-Jargon, in dem Wenzel seine Polit-Invektiven wiederaufbereitet, weist ihn als Asbach-Uralt-Kämpen der vormaligen Bundesrepublik aus, in deren Oppositions-Biotopen die Begriffe Moral und Protest als Synonyme gehandelt wurden. Fern im Westen gelingt es dem Mannheimer Freak am ehesten, dieses Lebensgefühl zu konservieren. In der «äusserst heterogenen Kulturlandschaft» der USA kann er noch den «utopischen Vielklang» vernehmen, den die «wütende Kleinstaaterei Europas» weitgehend und der «bedingungslose Anschluss der DDR» vollends zum Schweigen gebracht haben.
Das sei ihm alles unbenommen. Ein Roman aber, wie Verlag und Autor suggerieren, ist dieser Text trotzdem nicht. Vielmehr eine Mischung aus Reisechronik und historischer Recherche, Polit-Schnulze und «on the road»-Brevier, Südstaaten-Folklore und Rock gegen rechts. Die eingeschobenen Passagen aus Briefen deutscher Auswanderer können ausser gelegentlicher orthographischer Exotik («Krich in Täcksas und Mäckziko») wenig Erhellendes zu der Gesamtunternehmung beitragen. Schade, dass Meinecke seinen Mannheimer Privatgelehrten «mit der blonden Tolle» nicht auf die Spuren jenes Hermann Lehmann gesetzt hat, der vor 120 Jahren von Rothäuten verschleppt wurde und es immerhin zum Komantschen-Häuptling brachte, oder uns, wenn schon nicht am «Bundeln», so doch an dem erstaunlichen Umstand hätte teilhaben lassen, welchen «zentralen Stellenwert nicht nur des Deutschen Blasmusik, sondern auch seine Oper in der Entstehungsgeschichte des Jazz» eingenommen hat. Spannende Details fördert seine Recherche allemal zutage.
So aber bleibt uns nur, des Autors eigenes Vorurteil vom «klebrigen Bildungsbegriff des allgegenwärtigen, immer kleinbürgerlicher werdenden Feuilletons» nachhaltig zu bestätigen. Mit der angestaubten Kampfvokabel «kleinbürgerlich» befindet sich der reisende Gesellschaftskritiker nun wahrlich auf der Höhe seines Arguments.
Stephan Krass
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