THE CHILD GARDEN spielt auf einer Welt, die von Erderwärmung und Überbevölkerung verändert wurde. In London herrschen jetzt tropische Temperaturen. Menschen besitzen Zellen, die Sonnenlicht in Energie umwandeln können. Die Weltregierung, den Konsens, könnte man als "direktdemokratisch-kommunistisch" bezeichnen; jeder Bürger wird im Alter von zehn Jahren "gelesen", das, was ihn ausmacht, in den Konsens, ein gigantisches Netzwerk, übertragen. Wer zum Zeitpunkt der "Lesung" den Anforderungen des Konsens nicht entspricht (weil er oder sie beispielsweise homosexuell ist, was vom Konsens als unnormal angesehen wird), dessen Persönlichkeit wird verändert, bis sie konsenskonform ist.
Auch der Krebs ist besiegt, wie fast alle Krankheiten, aber zu einem Preis: kaum jemand wird älter als 35 Jahre. Um das auszugleichen, werden Viren als "Erfahrungsspeicher" benutzt: bestimmte Informationen, die man früher erlernen musste, werden jetzt durch Viren übertragen. Bücher gibt es nur noch in Museen, nicht mehr als Gebrauchsgegenstände. Jeder Zehnjährige kann Noten lesen, Shakespeare auswendig rezitieren und Dantes Göttliche Komödie interpretieren, kennt alle Pflanzen bei ihren wissenschaftlichen Namen.
In diese Welt hineingeboren wird Milena. Milena ist anders. Die Viren schlagen bei ihr nicht an; sie ist resistent. Alles, womit ihre Altersgenossen einfach infiziert werden, muss sie sich anderweitig aneignen. Sie wird auch nicht gelesen und somit nicht "konformiert".
THE CHILD GARDEN ist die Lebensgeschichte Milenas. Es würde nicht schaden, an dieser Stelle näher darauf einzugehen, weil Spannung alleine diesen Roman nicht ausmacht, schon allein deshalb nicht, weil die Geschichte in Fragmenten erzählt wird, die nicht chronologisch geordnet sind. Ich tue es trotzdem nicht, weil ich, als ich begann, den Roman zu lesen, auch nicht mehr wusste als die obigen drei Absätze und es ein interessantes Gefühl ist, Erwartungen enttäuscht zu sehen und doch nicht enttäuscht zu sein.
Wer eine düstere Dystopie sucht, liegt beim CHILD GARDEN falsch. Die geschilderte Welt ist vielleicht nicht perfekt, aber auch nicht böse und stürzenswert. Die Erzählung an sich ist auch überhaupt nicht düster. Es gibt tragische, berührende Elemente ebenso wie komische. Der Großteil der Geschichte ist einfach nur "normal"... ohne viel Brimborium (und ohne Sozialkritik-Holzhammer) wird ein außergewöhnliches Leben geschildert, wobei die Umstände dennoch als gewöhnlich behandelt werden (auch wenn sie das für den Leser vielleicht nicht sind).
Geoff Rymans Erzählstil ist nicht unbedingt einfach zu lesen. Er ist sicher nicht flüssig in dem Sinne, dass die Lesereise eine spaßige Rutschpartie ist, die in Rekordzeit wieder vorüber ist. THE CHILD GARDEN ist aber auch nicht zäh. "Dickflüssig" ist vielleicht ganz passend: man bleibt nicht stecken, nimmt sich aber automatisch mehr Zeit als üblich. Man beschäftigt sich auch mehr mit dem Text. Man könnte den Stil "poetisch" nennen. Verdichtet. Schön. Und das in dem Maße, dass ich sagen kann: Trivialliteratur ist THE CHILD GARDEN nicht.