Krimis in englischen Dörfern kennen wir von Agatha Christie, und bei der bedient sich Beckett auch mindestens so viel wie bei den Klischees der forensischen und Serienmörder-Thriller.
Der Ich-Erzähler Dr. Hunter ist eigentlich forensischer Anthropologe, aber macht seit dem Unfalltod von Frau und Tochter den jungen Landarzt in einem beschaulichen Dörfchen, in dem ein grausiger Frauenmord geschieht (und es bleibt nicht bei dem einen).
Nun darf man raten, wer von den mehr oder minder verschrobenen Einheimischen der Bösewicht ist, zumal die gesuchten Charakteristika ' -- groß, stark, kennt sich mit Fallenstellerei aus ' -- gleich auf mehrere Kandidaten zutreffen. Ausführlich wird beschrieben, wie das Leben im Dorf unter der Bedrohung und den Verdächtigungen weitergeht, wobei viele sehr offensichtliche falsche Fährten gelegt und bald auch viele düstere Prophezeiungen gestreut werden, dass es demnächst Jenny treffen wird, die süße Lehrerin, in die Hunter sich soeben verguckt hat. Ansonsten kann man staunen wie nett es in der Landarztpraxis zugeht, wo Ärzte unaufgeforderte Hausbesuche machen, nur um zu sehen, wie es dem kleinen Jungen geht, der sich gestern so erschrocken hatte, und dergleichen mehr. Mit der heutigen Realität im englischen Nationalen Gesundheitsservice hat das wirklich gar nichts zu tun; es ist eben ein Idyll, das hier beschrieben wird, um den passenden Kontrast zu den Morden zu liefern. In diesem Mittelteil hat mich das Buch ehrlich gesagt gelangweilt, und ich kam nur schleppend weiter. Als die arme Jenny dann tatsächlich vom bösen Mörder geschnappt wird, wird es wieder spannend. Um die Auflösung so überraschend wie möglich zu machen, aber trotzdem Grausiges aus Jennys Perspektive berichten zu können, wendet der Autor hier mehrere nicht ganz koschere erzählerische Tricks an (z.B. erfahren wir ausführlich Jennys Gedanken und Wahrnehmungen, wobei jedoch eine ganz zentrale Sache, wie sich hinterher herausstellt, unerwähnt bleibt.)
Das Ende, man kennt das von Christie, ist hochgradig konstruiert und unglaubwürdig, aber das tut dem Lesespaß hier keinen Abbruch. Natürlich ist der eigentliche Bösewicht die Person, die es definitiv nicht sein konnte. Leider wurde der Eindruck "dieser kann es nicht sein" vorher mit so plumpen, dick aufgetragenen Mitteln erzeugt, dass ich das schon lange ahnte. Aber man will dann eben auch wissen, ob der eigene Verdacht stimmt ' und wie um Gottes willen der Autor das denn erklären will.
Sämtliche Figuren sind in ihrer Konstruiertheit auf den Plot für mich nicht glaubwürdig, womit ich sagen will: Das hier ist kein Roman mit Tiefe, das ist Genreliteratur und keinen Deut mehr. Leute wie Elisabeth George oder Minette Walters entwerfen ihre Charaktere oft mit deutlich mehr Liebe.
Wem die Anklänge an Agatha Christie bei Beckett gefallen, der sollte bei der Altmeisterin vielleicht einmal reinsehen. Sie garniert den altmodischen Whodunit-Brei statt mit blutigen Gruselszenen aus der Creative-Writing-Bastelstube mit Humor und skurillen Ermittlern; für mich irgendwie die sympathischere Variante.