Das Chip Kidd ein außergewöhnlicher Buchcover-Designer ist, weiß man ja eigentlich seit langem Kidd zählt zu den internationalen Stardesignern seiner Zunft. Und dann kann der Mann auch noch selbst schreiben. Sein Romandebut The Cheese Monkeys beweist, unter einem wunderbaren pull-away-Cover, daß Kidd nicht nur Designer (obwohl das Buch en detail liebevollst durchgestaltet ist), sondern vor allem auch Leser ist und von den Großen der Zunft gelernt hat, wie man eine schmissige Geschichte mit Tiefgang schreibt. Nahezu mühelos verknüpft er in seinem Erstling klassische Coming-of-Age- und College-Story-Elemente, gewandet in eine scharfzüngige und schnelle Schreibe, die sich in etwa so liest, wie Scott F. Fitzgerald gelebt hat, Screwballcomedy on Acid. Wie passend, daß die weibliche Protagonistin Himillsy Dodd stark an Fitzgeralds exzentrische, kluge, zynische und lebenshungrige Partnerin Zelda Sayre erinnert. Mit dem ersten Erscheinen von Hims explodiert das Buch förmlich, die wunderbaren Dialoge rund um die Kunst von Hills und dem Ich-Erzähler bersten vor Klugheit, Charme und Witz. Sich in Himillsy zu verlieben, ist entsprechend einfach. Die Figur ist in ihrer Egozentrik, ihrer Durchtriebenheit, ihrem Selbsthaß, ihrem Sex-Appeal, ihrem zynischem Witz, einfach ein Geschenk an den Leser.
Aber auch jede Nebenfigur ist ausgereift, zum Klischee hypermutierte Realität, dreidimensional und greifbar, glaubhaft und surreal. Maybelle, David David, Phil und allen vorweg der verbitterte, skurrile und genialische Dozent in dem neuen Fach Graphic Design Winter Sorbeck jede der Figuren ist so authentisch unecht, daß sie förmlich von der Seite poppt. Wobei Winter keine Nebenfigur bleibt, sondern sich schnell als eigentliche Hauptfigur von The Cheese Monkeys entpuppt. Wiewohl er unnahbar, etwas diffus bleibt, ist er ein zentraler Katalysator der Geschichte, und nicht ohne Grund ändert sich mit seinem Auftritt im Roman die Schrift zur Bodoni so wie das gesamte Buch mit Sorbeck die Richtung ändert. So wie unser Held seine Lebensbestimmung findet, findet auch der Roman selbst zu einer neuen Entschlossenheit, Druck und Leidenschaft, zu unerwarteten Wendungen, die dem zuvor etwas richtungslosen Plot schlagartig Dramatik und Verve einhauchen.
Kidd gelingt es so nicht nur, einen brillianten kleinen Uni-Roman zu schreiben, einen Selbstfindungs-Trip des Ich-Erzählers, der voller Pointen, Pay-offs und Überraschung steckt und sich hinter Donna Tarts Secret History beileibe nie verstecken muß (im Gegenteil), er meistert auch noch einen Exkurs über Design und die Bedeutung von Gestaltung im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz.
Und so entdeckt nicht nur unser Protagonist in den späten 50ern seine Liebe zum Design, und seine Liebe zu Winter, sondern der Leser entdeckt auch, daß Chip Kidd sehr gründlich beflügelt ist von dem, was er beruflich tut und wahrscheinlich selbst ein herausragender Lehrer wäre.
The Cheese Monkeys ist inspiriert und inspirierend, unterhaltend, klug, ein Buch nicht nur für Designer sondern für alle. Das man nebenbei etwas über Design lernt im Setting einer Zeit, als dieses Metier sich gerade überhaupt erst entwickelte, ist ein reiner Bonus, aber nicht entscheidend für den Spaß an der Geschichte. Im Zentrum des Buches stecken «Happy», Hims und Winter und das seltsame Semester, das sie miteinander erlebten und das ihre Leben verändert. The Cheese Monkeys spielt klug mit schriftstellerischen Tricks und Finessen, ohne je aufdringlich zu sein, und ist dabei ganz nebenbei eben auch als pures Designobjekt ein Leckerbissen (Kidds Umgang mit den Danksagungen, der in zwei Richtungen lesbar bedruckte Buchspiegel, der Umgang mit dem Impressum, usw. also bitte unbedingt das Hardcover kaufen, es lohnt sich.)
Absolut atemberaubend exzellentes Debut ich hoffe, Kidd findet neben seinem Day-Job die Zeit, mehr zu schreiben.