.
.
Hier haben wir's mal wieder. Ein außergewöhnlicher Film verkommt dank dem falschen Marketing zur kinematographischen Randnotiz. In Hollywood Kunst und Kommerz zu vereinen ist ebenso leicht wie den Indo-Pazifik rückwärts im Kanu zu durchpaddeln. Im Westen nichts Neues.
"Langweilig", "zu lang", "sadistisch", "hä?". Dieser Streifen stieß - hierorts wie auch in Amerika - auf viel Verwirrung und Kopfschütteln, was ich hiermit offiziell der Vermarktung in die Schuhe schiebe. Wären die Verleiher mutig genug gewesen, bei der Werbung auf die Qualität des Filmes an sich und nicht allein auf die von Miss Lopez zu setzen... Hätten nicht schon im Vorfeld Trailer leichtfertig und aufmerksamkeits-heischend den "Nachfolger von Se7en und Das Schweigen der Lämmer" versprochen... Wäre dieser Film in Programmkinos gestartet, in dem ihn Zuschauer mit völlig anderer Erwartungshaltung zu Gesicht bekommen hätten... Tarsem Singh's "The Cell" hätte möglicherweise weniger Geld eingespielt, sich aber dafür eine treue Fangemeinde aufbauen können und wäre früher oder später als das Meisterwerk gefeiert worden, das es ist.
Es ist nicht die Story oder die Spannung, die „The Cell" so faszinierend und letztendlich zum Unikat machen (obwohl sich das Drehbuch bei genauer Betrachtung als wesentlich intelligenter entpuppt, als man ob der etwas untergeordneten Rolle erwartet hätte). Vielmehr sind es die augensprengenden Visionen eines Regisseurs, die nicht selbstbewusster und stilsicherer hätten inszeniert werden können. „The Cell" ist eine zweistündige Tour-de-Force postmodernistischer Bildkomposition.
Da trifft man auf surreale Gewölbe und Räume, deren Baumeister Salvador Dáli sein könnte, wohnt einer Baptistentaufe bei, fällt dabei mit der Kamera ins Wasser und rücklings wieder heraus, erschrickt sich in Hieronymus-Bosch-Settings vor muskulösen Anabolika-Blondinen, fliegt in atemberaubender Geschwindigkeit durch Zeit und Raum und betritt (in einem der gewiss beeindruckendsten optischen Momente der Kinogeschichte!) Thronsäle, die textiltechnisch mit ihrem König verschmelzen. Citizen Kane bekommt Konkurrenz. Den Specials dieser DVD kann man entnehmen, der Regisseur habe die Produktions- und Kostümabteilung bis an ihre kreativen Grenzen gefordert. "Das gefällt mir schon ganz gut, aber kannst du noch weiter damit gehen?" Und wie sie konnten.
Tarsem Singh, seinerseits renommierter Musikvideo-Macher und Harvard-Absolvent, beeindruckte den kundigen MTV-Gucker schon Jahre zuvor mit Kreuzigungen im Mohnfeld (Nirvana - Heart-Shaped Box) und hinduistisch-angehauchten Himmelsszenen (R.E.M. - Losing My Religion), doch sein "The Cell" weist neben der herausragenden Optik noch weitere Merkmale anspruchsvollen, durchdachten Kinos auf: Die brillante Musikuntermalung beispielsweise von Altmeister Howard Shore (Lord of the Rings) ist so subtil und filigran, das sie einem erst fast gar nicht auffällt. Singh setzt sie - ganz bewusst - eben nicht in den kontroversen Stellen des Filmes ein, woraus eine erfreulich objektive Sichtweise auf selbige entsteht. Sicherlich keine brandneue Idee, doch für einen Big-Budget-Hollywoodstreifen untypisch und unkonventionell. Eine echte Wohltat angesichts der momentan inflationär angewandten Manipulationsfilmerei irgend eines Jerry-Bruckheimer-Zöglings, bei der man ständig den Eindruck vermittelt bekommt, die Filmemacher wollen das Denken für einen selbst übernehmen.
Trotz aller kontemporären Beeinflussung und Prägung hat Tinseltown mit Tarsem Singh meiner Meinung nach einen wahren "old school director" aufgetan. Hier hat man die Essenz des Filmemachens begriffen. Eben jene Intention, die auch vor über 100 Jahren zur Entwicklung der Laterna Magica geführt hat: "Verzaubere den Zuschauer". Singh-sa-la-bim!