Kein Blick ins Buch, keine Vorabexemplare an die Buchkritiker und dazu eine Geheimhaltung wie zu Harry Potters besten Zeiten: Vor der Veröffentlichung von "The Casual Vacancy" ist kaum etwas über die Handlung des ersten Buches von Joanne Rowling nach dem weltweiten Harry-Potter-Erfolg an die Öffentlichkeit gedrungen.
Diese Vorgehensweise macht neugierig:
Geht es einfach nur darum, den Verkauf durch den größtmöglichen medialen Hype in lichte Höhen zu treiben? Ist das Buch vielleicht so langweilig oder misslungen, dass die Leser und Leserinnen es noch vor dem Erscheinen der ersten Kritiken und Rezensionen vorbestellen und kaufen sollen? Oder befürchtet der Verlag, dass die Leser und Leserinnen reihenweise abspringen, sobald sie erfahren, dass das böse F***-Wort gefühlt mehrere Hunderte Mal verwendet wird und sich schlimmste menschlichen Abgründe auftun - von Drogenkonsum über häuslicher Gewalt bis zu Vergewaltigung?
Wie auch immer, ich habe mir den Roman im englischen Original und in der deutschsprachigen Übersetzung gekauft und habe es (bis auf kurze Pausen) in einem Rutsch gelesen. Da bislang nur wenig über die einzelnen Romanfiguren bekannt ist, beschreibe ich zunächst kurz einige der Protagonisten, ehe ich mit der eigentlichen Rezension schließe.
Lassen Sie den mit *** gekennzeichneten Abschnitt bitte aus, wenn Sie die Figuren vor dem Lesen des Buches nicht kennenlernen möchten!
P.S.: Da Amazon die Verwendung obszöner Ausdrücke verbietet, habe ich an einigen Stellen Vokale durch Sternchen * ersetzt. Ich hoffe, dass der Text dennoch leserlich und verständlich ist.
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Es ist keine zauberhafte Welt, in welche uns Joanne K. Rowling mit ihrem ersten Buch nach dem weltweiten Erfolg ihrer magischen Harry-Potter-Reihe entführt, im Gegenteil:
+) Sozialarbeiterin Kay entwurzelt ihre halbwüchsige Tochter Gaia, um eine Affäre ohne Zukunft zu pflegen;
+) Gavin hat zwar eine Affäre mit Kay, begehrt jedoch die Frau seines Freundes;
+) Ein kleinkrimineller Mittelschicht-Familienvater benutzt seine Frau und seine Söhne als Boxsäcke und wird dafür von seiner Frau auch noch in Schutz genommen;
+) Andrew, der Sohn des Prügelvaters, stellt seinen alten Herrn aus Rache bloß und verliebt sich in Gaia;
+) Andrews bester Freund Fats, Adoptivsohn des Schuldirektors, vög*lt Unterschicht-Mädel Krystal und malträtiert Asiatin Surkhvinder;
+) Ärztin Parminder Jawanda ist ebenso wie ihre Tochter Sukhvinder quälendem Fremdenhass ausgesetzt;
+) Die drogenabhängige (Ex-)Prostituierte Terri beschimpft ihre Teenager-Tochter Krystal gerne als H*re und fordert sie auf, zu krepieren;
+) Krystal, die Tochter der Drogenh*re, ist nicht minder obszön als ihre Mutter und versucht zu verhindern, dass das Jugendamt ihren 3-jährigen Bruder wieder ins Kinderheim steckt;
+) Und dann gibt es noch eine Reihe weiterer, oft sehr unsympathischer Charaktere, mit denen man sich gar nicht erst identifizieren möchte, die Intrigen schmieden, ihren Nachbarn nur das Schlechteste wünschen, Klatsch, Tratsch und falsche Anschuldigungen verbreiten ...
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REZENSION:
Mit ihrem neuen Roman hat Jo Rowling eine ernüchternde, gesellschaftskritische Milieustudie abgeliefert:
Sie beschreibt eine zerstrittene Kleinstadt, in welcher nach dem Tod des "Gutmenschen" Barry Fairbrother die Klingen gewetzt werden: Die Wohlhabenden versuchen sich von den Armen abzugrenzen, die Armen wiederum halten sich mit Kleinkriminalität über Wasser; Kinder und Eltern sind einander spinnefeind und haben für einander nichts als Hass und Verachtung übrig; Lehrer/innen, Sozialarbeiter/innen und Ärzte/Ärztinnen kämpfen auf längst verlorenem Posten.
Rowling beschreibt Charaktere, wie sie in jeder Stadt in jedem Land vorkommen, sie beschreibt dysfunktionale Familienverhältnisse, die von gegenseitigem Unverständnis und roher Gewalt geprägt sind, erzählt von einer Lehrerin, die sich nicht durchsetzen und die ihr anvertrauten Schüler/innen weder vor Mobbing beschützen noch zügeln kann; beschreibt eine nutzlose Mutter, die nicht wahrhaben will, was ihr Kindheitsfreund ihren Kindern antut.
Dafür benutzt sie eher einfach gehaltene Worte und Sätze und saftige Dialoge, die mit ihrer Realitätsnähe und Authentizität überzeugen. Rowling hat kein literarisches Meisterwerk geschaffen (von mir bekommt das Buch 4 bis 5 Sterne), sondern schreibt so, wie geredet wird: Die Wortwahl ist oft ordinär und vulgär, schamhaft sollte der Leser/die Leserin also nicht sein.
Wenn Sie, lieber Leser/liebe Leserin, es nur schwer ertragen können, eine Geschichte zu lesen, die von Eltern und Kindern erzählt, die einander verachten, von Frauen, die weder sich selbst noch ihre Kinder vor Gewalt schützen, von "braven" Bürgern, die fiese Intrigen schmieden, von Jugendlichen, von auf dem Friedhof vollkommen gefühllosen Geschlechtsverkehr haben und all dies in Dialogen verarbeitet, die vor wüsten verbalen Ausdrücken strotzen, können Sie sich die Lektüre dieses Buches und den Ärger über die Zeit- und Geldverschwendung ersparen.
Sollten Sie sich doch für den Kauf (oder für das Ausborgen) dieses Romans entscheiden, erwartet Sie meiner Meinung nach eine gut erzählte Geschichte mit einer Vielzahl an Protagonisten und Handlungssträngen, welche Rowling gekonnt miteinander verknüpft. Besonderes Augenmerk hat sie meines Erachtens nach auf ihre jugendlichen Protagonisten gelegt, die für mich persönlich die interessantesten Figuren des Romans sind.
Die Geschichte beginnt mit dem Tod der "guten Seele" der Gemeinschaft und endet tragisch mit zwei weiteren Todesfällen. Bei der Beerdigung kommen sie schließlich zusammen, Freund und Feind, Arm und Reich, die Bewohner der "Unterschichtsiedlung" und der hübschen viktorianischen Häuser, hinter deren schicken Fassaden sich das gleiche Grauen abspielt wie im Plattenbau.
P. S.: Wer die englische Originalausgabe liest, sollte darauf gefasst sein, dass die (Unterschicht)Figuren nicht gerade feines Oxford-Englisch sprechen! Der Slang ist gewöhnungsbedürftig und könnte Leser/innen mit weniger guten Englischkenntnissen aus dem Konzept bringen.