1764 ist als das Geburtsjahr eines neuen Genres in die Literaturgeschichte eingegangen. Denn in diesem Jahr wurde "The Castle of Otranto" anonym veröffentlicht, der erste Schauerroman. Der erste Text, welcher dem Genre der "gothic novel" zugeordnet wird. Eigentlich lässt sich kein anderes Genre so präzise auf seine Genese zurückverfolgen. Und nach dem außergewöhnlichem Erfolg bekannte sich in der zweiten Ausgabe schließlich auch der Schöpfer höchst persönlich - Horace Walpole, Sohn des einflussreichen Politikers Sir Robert Walpole.
Eigentlich haben wir es hier tatsächlich mit einem genuinen Streich zu tun. Jedem neuen Verfahren liegt immer auch ein Programm zugrunde. Und so dachte sich Mister Walpole einst, man könne doch den Roman, welcher bislang einer realistischen Darstellungsweise verpflichtet war, mit dem Geschehen einer Romance, also dem historischen Ritter- bzw. Abenteuerroman kombinieren. Das Ergebnis dieser Kreuzung sehen Sie hier.
Die Handlung führt den Leser in eine vergangene, exotische Welt ein. In der Burg von Otranto ist es dunkel, es rappelt und scheppert und alles wirkt wie ein einziger, reichlich seltsamer Alptraum.
Manfred, der Protagonist des Romans, ist von der Prophezeiung, er werde
die Herrschaft über Otranto verlieren, sobald der wahre Besitzer über die Burg "hinausgewachsen" sei, wenig begeistert. Der zweite Teil der Prophezeiung: Nur solange ein männlicher Erbe vorhanden sei, könne der Untergang seiner Linie gestoppt werden. Schleunigst will nun Manfred sein Söhnchen verheiraten, dieser ist allerdings erstens von eher schwächlicher Natur und wird zweitens am Tag seiner Hochzeit von einem riesigen Helm erschlagen. Ärgerlich für Manfred.
Er ist der unrechtmäßige Besitzer der Burg und solche Konstellationen enden für den Usurpator selten gut. Aber Manfred setzt alles daran, seine Macht zu erhalten, probiert sein Glück mit anderen Frauen - auch gegen deren Willen -, während die Geschehnisse auf der Burg immer abscheulicher werden: Statuen bluten, eine riesige, scheppernde Rüstung stapft durch die Korridore des finsteren Anwesens und weitere, scheinbar übernatürliche Dinge geschehen, ehe sich das ganze Treiben in einem ziemlich drastischen Schlussakt auflöst.
Was früher den Leser noch zu fesseln vermochte, was gar dazu taugte, Skandale auszulösen, wirkt auf den heutigen Leser eher belustigend und reichlich krude. Aber die dargestellte Atmosphäre der Burg, das wird niemand leugnen können, hat bis zum heutigen Tage ihre finstere, dunkle Faszination konserviert, die eben jene Stellen unserer Seele auch heute noch anspricht.
Das Vorbild der düsteren und labyrinthartigen gotischen Burg bewohnte Walpole übrigens höchst selbst. Sein Landsitz "Strawberry Hill" wurde zum Inbegriff eines Settings, das über Jahrzehnte die Schauerliteratur prägen sollte. Heute mag man "The Castle of Otranto" belächeln, denn in den vielen Jahrzehnten, die folgten, sind bessere, großartigere Werke der gothic novel entstanden. Stoffe und Geschichten, die selbst Autoren und Filmemacher der Gegenwart noch prägen. Aber es braucht ganz am Anfang eben einen, der das Rad mal erfindet - und das ist gewiss, auch literarisch, eine enorme Leistung.