Norman Mailer gehört mit Sicherheit zu den wichtigsten amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Durch sein Erstlingswerk "The Naked and the Dead" wurde der 25-jährige Mailer 1948 mit einem Schlag berühmt und von vielen als zweiter Hemingway bezeichnet. Umso schwieriger war es für Mailer, den Anforderungen, die fortan an ihn gestellt wurden, gerecht zu werden. Böse Stimmen behaupteten sogar, keines seiner mehr als zwei Dutzend späteren Werke erreiche die Qualität seines Erstlingswerks.
Fast 60 Jahre später, weniger als ein halbes Jahr vor seinem Tod im November 2007, erschien sein letzter Roman, der Roman, den er schon immer hatte schreiben wollen: Mailers Antwort auf die Frage, wodurch Hitler zu dem wurde, als den wir ihn alle kennen. Der Roman entfaltet das undurchsichtige inzestuöse Geflecht der Familie Hitler, das Leben von Hitlers Eltern und Großeltern, den Alltag bei Hitlers zu Hause in Gasthäusern, auf dem Land bei der Bienenzucht, in der Schule und bei Kriegsspielen des kleinen Adolfs mit seinen Geschwistern, die Schikanen durch den älteren Bruder sowie seine an dem jüngeren. Man erfährt die aufopferungsvolle Liebe der Mutter zu ihrem Sohn, die Konflikte mit dem Vater sowie Adolfs Kampf um Anerkennung.
Mailer kommt zu dem Schluss, dass der Teufel seine Finger im Spiel hatte. In Mailers Weltbild stehen der Teufel und Gott als gegeneinander kämpfende Mächte gegenüber, der Teufel verfolgt dabei erbarmungslos sein Ziel, die Welt von den Menschen zu befreien. "The Castle in the Forest" ist aus Sicht eines Assistenten des Teufels geschrieben, der, ohne jedoch vollständig in die Absichten seines Chefs eingeweiht zu sein, mit dem Fall Adolf Hitler beauftragt wurde, sich später in einem SS-Mann einnistet und im engsten Kreis um Himmler steht. Bereits bei der Zeugung war er zugegen und beeinflusste Adolfs Entwicklung u. a. durch "dream-etching". Doch die Wirkung des Teufels reicht weit darüber hinaus. Auch der Mord an Sissi geht auf seine Rechnung, genauso die Katastrophe auf dem Kodynskoe-Feld kurz nach der Krönung Zar Nikolaus II.. Mailer beschreibt diese Episode sehr ausführlich, aber dennoch wird die Erzählung nie langweilig. Gerade hier zeigt Mailer, welche Dimensionen der Kampf zwischen Gott und seinen Engeln (Cudgels) und dem Teufel und seinen Assistenten annimmt und wie bestimmte Menschen von ihnen befallen werden und zum Zankapfel zwischen dem "Maestro", wie er den Teufel nennt, und Gott (kurz D.K. für "Dummkopf") werden.
Die Stimmen zu "The Castle in the Forest" waren in Deutschland überwiegend negativ, Mailers Stil galt vielen als zu vulgär, seine ausführlichen Beschreibungen z. B. von Hitlers analer Phase als unerträglich. Letztendlich ist es aber so, dass Mailer sich sehr genau an die Fachliteratur, die Aussagen über Hitlers Jugend macht, gehalten halt. Die ausführliche Bibliographie am Ende des Buchs sowie ein Blick meinerseits in mehrere Hitler-Biographien belegen dies. Hitlers Vater war tatsächlich leidenschaftlicher Imker und wurde unzählige Male gestochen, Adolf benutzte tatsächlich sein Realschulzeugnis als Klopapierersatz und Kriegsspiele mit seinen Klassenkameraden hat er auch gespielt. Dort, wo keine Quellen eines besseren belehren können, greift Mailers Phantasie und seine wahre Kunst. Nichts ist komplett an den Haaren herbeigezogen, stets denkt man, so könne es durchaus gewesen sein. So klingt bei der belegten ungezügelten Sexualität von Hitlers Vater Mailers These, Adolfs Mutter sei zugleich seines Vaters Tochter, die dieser mit seiner Halbschwester gezeugt habe, gar nicht so abwegig. Genauso wenig ist die Möglichkeit, dass Adolf durch die Vorträge seines Vaters über die Bienenzucht und die in einem Bienenstock geltenden darwinistischen Prinzipien erste Ansätze seiner Rassenideologie entwickelte als unhaltbar von der Hand zu weisen. Die Meinung, der Teufel habe seine Finger im Spiel gehabt, ist ein Bestandteil Mailers synkretistischen Weltbilds, kann deswegen aber nicht apodiktisch als falsch verworfen werden. Sie liefert einen möglichen Interpretationsansatz zum Verständnis des elementar Bösen, obgleich Hitler keineswegs Sklave des Teufels ist, sondern sehr wohl Entscheidungsspielraum hat, sich aber dem Bösen schließlich ganz ergibt.
Im Jahre 1905, nach Hitlers Abbruch der Realschule, endet die Handlung. In seinen letzten Interviews sagte Mailer, es seien noch gut tausend weitere Seiten zu füllen, die Recherche über Hitlers weiteren Lebensweg sei abgeschlossen, sie müsse nur noch zu Papier gebracht werden. Doch sein Körper versagte ihm den Dienst.
Dennoch ist dieser Roman ein hochspannendes, in sich geschlossenes literarisches Werk von hoher literarischer Qualität, das einmal einen andern Blick auf die Person Hitlers wirft, zumal seine Jugend eine der wenigen Seiten seines Lebens ist, die noch nicht bis ins letzte Detail erforscht ist und noch Spielraum für Fantasie bereit hält. Nicht zuletzt überzeugte mich "The Castle in the Forest" dadurch, dass ich fortwährend das Gefühl hatte, mittendrin in der Handlung zu sein. Mailer hat ein letztes Mal gezeigt, dass er zu den ganz Großen der amerikanischen Literatur gehört.
Tipp: Unbedingt auf Englisch lesen!