Ja, noch eins. Und diesmal ein Buch, das einen ganz anderen Weg geht als die allermeisten anderen Biographien. Lucasta Miller hinterfragt kritisch, was an den Überlieferungen über die berühmten Schwestern eigentlich Wahrheit und was reine Legende ist. Gerade für Bronte-Kenner ist es sehr spannend, zu erfahren, welche Geschichten, die man so oft gelesen hat, dass man sie für biographische Tatsachen hielt, als übereifrige Spekulation oder spätere Andichtung entlarvt werden.
Miller konzentriert sich in dem Werk vorwiegend auf Charlotte und Emily, da die beiden älteren Schwester zum einen die meistgelesenen Werke verfassten und zum anderen die meisten Biographien über sie geschrieben wurden.
Bei Charlotte fällt sehr schnell auf, dass die Autorin selbst bewusst einen guten Teil zu ihrer Imagebildung beitrug und ihre Lebensumstände oft als ärmlicher hinstellte, als sie wirklich waren, sich selbst als eine Art zweite Jane Eyre sah, die leider nie einen Rochester getroffen hatte und gern ihre Rolle als die "Vernünftige" der Familie betonte.
Miller demonstriert, wie Charlotte zu Lebzeiten, sobald sie sich ihrer Berühmtheit bewusst war, gezielt diesbezügliche Informationen in ihre Briefe einfügte und auch ihre erste Biographin Mrs Gaskell entsprechend manipulierte.
Dies erstreckt sich bis auf die Lebensdarstellung ihrer Schwester Emily. Miller weist darauf hin, dass nahezu das ganze Bild der Autorin von "Wuthering Heights", welches bis heute in Biographien dargelegt wird, allein auf Berichten und Behauptungen Charlottes beruht, die sie gegenüber Mrs. Gaskell äußerte. Obwohl andere frühe Bronte-Forscher in Gesprächen mit Augenzeugen aus Haworth zu anderen Darstellungen kamen, halten dennoch die Biographien in der Regel an Gaskells romantisierter Version fest. Beispiele: befragte Hausangestellte der Brontes sagten, dass Emily keineswegs menschenscheu und reserviert, sondern sehr gesprächig und nett gegenüber "einfachen Leuten" gewesen sei. Auch sei sie nicht auf dem Sofa, sondern im Bett gestorben. An die berühmte Geschichte, in der Emily den Hund Keeper verprügelt, kann sich keine der damaligen Hausangestellten erinnern.
Miller untersucht weiter, wie in späteren Publikationen diese alten Legenden immer weiter getrieben wurden, bis man sie schließlich für tatsächliche Geschehenisse und gültige Urteile hielt.
Ein wichtiger Gedanke ist dabei, dass hinterfragt wird, warum eigentlich - so lange noch Zeit dazu war - keiner in Haworth nach dem Wahrheitsgehalt mancher Inhalte der Gaskell-Biographie forschte. Die Antwort scheint zu sein: das Publikum - damals wie heute - wollte diese rührselige und zugleich dramatische Geschichte dreier bescheidener und von der Zivilisation scheinbar abgeschnittener weiblicher Genies nur zu gern glauben.
Miller verfolgt weiter, wie der Mythos um die Brontes im Laufe der Zeit immer wieder den aktuellen Moden und Ansichten angepasst wurde: Charlotte wurde von der braven Gouvernante zur gesellschaftlichen Rebellin und schließlich zu einer emanzipierten Intellektuellen erklärt. Emily, von Charlotte als naives Naturkind, "das doch nicht wusste, was es tat", romantisiert, wurde zur Lesbe, zur Mystikerin, zu einer radikalen Mysanthropin und zur herrischen Ordnungsfanatikerin zurechtfantasiert.
Am Ende bleibt die etwas unangenehme Erkenntnis: wir wissen eigentlich fast gar nichts über die Brontes. Wir glauben nur viel zu wissen.