Genesis:
Der Ol' Man River hat das Fluss-Dasein satt und will Musik sein. Er kratzt sich am Kopf, wie er das wohl bewerkstelligen könnte, und dann kommt ihm die Idee: Da gibt's doch diesen eigensinnigen Pianisten und Komponisten Allen Toussaint, der sich seit Jahrzehnten schwindel- und allürenfrei zwischen Blues und Jazz hin- und herbewegt. Kein "Das ist jetzt Kunst"-Gefuchtel, erstrecht keine Effektheischerei, sondern Präzision und Liebe zum Detail -- und zur Musik natürlich. An diesen Mister Toussaint wendet sich der Ol' Man River mit seiner Bitte, und er hat sich an den Richtigen gewandt: Mister Toussaint nimmt den Auftrag an und legt los, zieht alle Register. Ein Titelsong fällt ihm ein, der allein schon den alten Flussmann granteln lässt, warum er nicht schon längst auf die Idee gekommen ist, Herrschaftszeiten aber auch! Thelonious Monks "Bright Mississippi" -- dargeboten als schwermütigen Ragtime-Dixieland mit Blues, oder umgekehrt, dazu Zydeco und was weiß denn ich was noch alles. Da kann sich die Band in all ihrer Spielfreude austoben -- genauso wie auf dem ganzen Album. Auch der Hörer denkt sich, "Herrschaftszeiten, auf die Idee hätten die ruhig schon früher kommen können!"
Bei diesem Album schnappt sich Toussaint zwölf Klassiker aus Blues und Jazz, die jeder kennt, oder besser: die jeder zu kennen glaubt: Kronjuwelen quer durch die Spielarten des Jazz sind dabei, unter anderem musikalische Flaggschiffe von Duke Ellington, George Gershwin, Jelly Roll Morton, Louis Armstrong, Thelonious Monk, Django Reinhardt und Sidney Bechet. Wer sich an sowas ranmacht, der traut sich was, denn da kann man sich blamieren. Man kann aber auch brillieren, und genau das tut Allen Toussaint hier.
Die einzelnen Musiker können im Verein und in Soli zeigen, was sie können (unglaublich viel! nämlich). Die Beteiligten, das sind im Einzelnen: Don Byron, Nicholas Payton, Marc Ribot, David Piltch und Jay Bellerose, dazu Brad Mehldau und Joshua Redman.
Geht nicht der Spruch um, man erkenne die ganz Großen daran: Sie bringen einem bei, der tausendundersten Fassung eines altehrwürdigen Klassikers offenen Mundes zuzuhören, weil man sie s o noch nie gehört hat? Toussaint jedenfalls bluest und jazzt den Staub weg von den musikalischen Devotionalien, und zwar ohne Geschwindigkeitsrausch, ohne aufgebrezelte Zirkusnummern. Und das Schönste dabei ist: Man kann sich das ganz einfach aus schierer Freude am Musikanhören anhören, ohne den Fachmann markieren zu müssen, der man eh nicht ist (Sonst hätte ich's nämlich nicht gewagt, dieses Album zu rezensieren). Schöne Töne, die glasklar aus den Lautsprechern kommen (hervorragend produziert ist die CD nämlich auch noch!), und die ganz einfach zeitlos gut sind.
Deuteronomium:
Der Ol' Man River ist jetzt überall da, wo ich ihn hören will. Und zwar ohne Risiken oder unerwünschte Nebenwirkungen.