Das ist ein echt tolles Buch. Die autobiografische Einführung, die die Erfahrung des Autors beim Besuch von Bäckereien in Paris zusammenfasst, ist vielleicht nicht jedermanns Sache, verrät aber einiges an Leidenschaft zum Thema. Das Kapitel über Brotmachen ist sehr ausführlich und sehr praxisorientiert. Es geht nicht in die Tiefe der physikalischen und chemischen Reaktionen beim Backen, dafür muss man schon McGee lesen. Aber es werden genug Grundlagen vermittelt, um zu verstehen, was Fermentation und Glutenbildung sind, und wie sie durch jeden Teilvorgang des Backprozesses beeinflusst werden. Er führt ein nützliche Klassifikationen von Brotarten, die dem Anfänger helfen, sich zu orientieren. Die Rezepte an sich gelingen richtig gut, und sind von hoher Qualität. Und die praktischen Tips sind wirklich sehr nützlich und an den Heimbäcker orientiert (z. B. wie man am Besten Brot im normalen Haushaltsofen bedampft).
Die Brote selbst sind meistens weiße Hefebrote. Die in Deutschland verbreiteten Roggen- und Weizensauerteigbrote werden sehr kurz abgehandelt. Aber das stört mich nicht weiter, denn Rezepte sind leichter anderswo zu finden als Grundlageninformation. Und das eine oder andere Exot findet sich immer noch im Buch, z. B. ein Maismehlbrot mit Melasse.
Das Buch ist in sehr hoher Qualität verlegt, mit schwerem Papier in Stoffeinband. Die Fotografien sind wunderschön. Manche sind informativ, z. B. die Erklärung, wie man Zöpfe flechtet. Andere machen einfach Lust auf zartem, duftendem Brot. Alle sind perfekt ausgeführt und gut platziert (kein buntes Bilderbuch).
Allerdings vergebe ich nur vier statt fünf Sterne, weil das Buch für den europäischen Leser doch nicht die beste Wahl ist. Erstens arbeitet der Autor wie jeder erfahrene Koch nach Gewicht anstatt nach Volumen. Er wollte besonders benutzerfreundlich sein und hat daher bei allen Rezepten sowohl das Volumen als auch das Gewicht der Zutaten angegeben. Allerdings ist das Gewicht ausschließlich in Unzen aufgelistet, für alle Zutaten. Unzen mit gerundet 27.5 Gramm sind relativ leicht im Kopf umzurechnen, im Vergleich zu alten Feinden wie die Fahrenheittemperaturen. Aber wenn man 0.055 Gramm Trockenhefe braucht, renne ich mit bemehlten Händen zum Taschenrechner, und das nervt auf Dauer.
Das andere Problem an der Internationalisierung ist, dass er für fast alle Arten von Brot das amerikanische bread flour empfiehlt, was einen besonders hohen Eiweissgehalt hat. In Deutschland ist es aber praktisch unmöglich, dieses Mehl zu finden, weil die benötigten Weizensorten hier nicht wachsen. Die Rezepte gelingen immer noch mit einem deutschen Weizenmehl mit höher Typenummer, z. B. 812. Aber dann muss man etwas weniger Wasser nehmen als im Rezept, und zwar muss man nach Gefühl gehen, wie viel Wasser richtig ist. Das ist für halbwegs erfahrene BäckerInnen kein Problem, aber nichts für diejenigen, die gerade anfangen. Der Geschmack ist auch anders als beim puren Weißbrot. Als Alternative kann man pures Gluten hinzugeben, das braucht aber dann viel mehr Kneten.
Das macht das Buch nicht ganz leicht umzusetzen. Manche werden davon bestimmt frustriert sein. Für mich ist die ausführliche, gut präsentierte Grundlageninformation Grund genug, das Buch zu lieben. Und Brotbacken ist sowieso etwas für Geduldige, denn Brot braucht viel Arbeit. Ich persönlich würde es wieder kaufen.