Dylan vor 40 Jahren: Der junge, dünne Dichtergott mit der näselnden Stimme, dem die Songs nur so zuflogen, der eine riesige Fangemeinde um sich geschart hatte, der sich vor Vereherinnnen nicht retten konnte, das Idol von unzähligen Epigonen (und das mit 25 Jahren), jedes Konzert, das der Mann mit der Gitarre und der Mundharmonika bestritt, wurde zum Hochamt der Protestbewegung, Dylan war auf dem besten Weg, ein Säulenheiliger zu werden.
Die bedingungslose Verehrung der Folkgemeinde dürfte dem Meister allerdings nach einiger Zeit ziemlich auf die Nerven gegangen sein. Von Idolen wird leider allgemein verlangt, daß sie sich nie verändern, was man von Dylan, der sich über seine ganze Karriere hinweg niemals in eine Schublade pressen lassen wollte (passierte ihm trotzdem immer wieder), nun wirklich nicht verlangen konnte.
Drei hervorragende Alben lang (läßt man das etwas mediokre Debut mal außer Acht) hatte sich Dylan als Strassen - und Protestsänger mit Gitarre und Harmonika stilisiert, nun erinnerte er sich wohl seiner Highschool - Träume, mal in einer Band zu spielen wie Elvis. Gedacht, getan. Dylan holte sich zusätzliche Musiker ins Studio, schnallte sich die Elektrische um und nahm in kurzer Folge die drei Alben auf, die so etwas wie die "Heilige Dreieinigkeit" des Dylan - Kanons bilden: "Bringing It All Back Home", "Highway 61 Revisited" und das einzigartige Doppelalbum "Blonde On Blonde", meiner Meinung nach noch immer das beste Album der Rockgeschichte. Die Elektrifizierung des Dylan - Sounds löste, wie kalkuliert, einen Jubel - und Entrüstungssturm aus. Viele Fans waren ausgesprochen begeistert von der neuen Musik und den poetischer und kryptischer werdenden Texten, an denen die Dylanologen (ich hoffe, dieses Fach kann man irgendwann studieren) seit Jahrzehnten herumdeuteln. Die beinharte Folk - Gemeinde jedoch war von Gesinnungswechsel ihres Idols alles andere als begeistert, man fühlte sich verraten und verkauft, ausgerechtnet vom größten Hoffnungsträger seit Pete Seeger. Kurz gesagt, die Atmosphäre war ziemlich geladen, und Dylan ging auf Tour.
Dieses Konzert wurde am 17. Mai 1966 in der Free Trade Hall in Manchester (und nicht in der Royal Albert Hall, wie lange irrtümlich behauptet wurde, das nur nebenbei) aufgezeichnet und gibt ein beeindruckendes Zeugnis der Bühnenpräsenz Dylans zu dieser Zeit und der heftigen Reaktionen der Zuhörerschaft ab. In Amerika hatte man den Schock zum größten Teil schon verdaut, viele Fans waren den Weg mitgegangen, einige hatten sich abgewandt (Pech gehabt). In England sah die Sache noch etwas anders aus. Man wußte nicht,was man zu erwarten hatte, mit steigender Spannung erwartete man die Auftritte des Meisters.
Und da steht er, wie man es von ihm gewohnt ist. Alleine, die Gitarre umgeschnallt, mit der Mundharmonika (CD 1). Dieser erste Teil des Konzerts ist unfaßbar intensiv. Dylan spielt ein umwerfendes Set seiner besten Songs und gibt auch neues Material in einer akustischen Version zum Besten. Er beginnt mit "She Belongs To Me", einem seiner schönsten Lovesongs, "Fouth Time Around" und "Visions Of Johanna" werden mit unglaublicher Präzision und Intimität vorgetragen, "It's All Over Now, Baby Blue" spiegelt die Trauer über eine gescheiterte Beziehung wider, ohne Tränenzieherei und falsches Pathos, "Desolation Row", das berühmte Langgedicht von "Highway 61" spielt er ein einer phantastischen Akustik - Version, zum Ende des ersten Teils gibt er zwei seiner größten Hits zum Besten: "Just Like A Woman" und "Mr. Tambourine Man", letzeres ein wenig schludrig, man ahnt, daß Dylan sich von seinem alten Image verabschiedet hatte. Das Publikum wirkt von Song zu Song entspannter, das Idol hatte doch den "Pfad der Tugend" nicht verlassen. Nach jedem Lied wird begeisterter Applaus gespendet und man begibt sich erleichtert in die Pause.
Im zweiten Teil des Konzerts (CD 2) schließlich der Schock: Dylan hat die Akustische gegen eine elektrische Gitarre getauscht, auf der Bühne stehen die "Hawks" (später "The Band") und man beginnt mit einer turbogeladenen Version von "Tell Me, Momma". Der Schrecken sitzt. Zunächst ist das Publikum wie gelähmt, man kann es einfach nicht fassen, die Gerüchte sind also wahr, Dylan hat sich an den Rock 'N' Roll verkauft! Während der nächsten Songs ("I Don't Believe You", "Baby, Let Me Follow You Down", "Just Like Tom Thumb's Blues", alle unglaublich intensiv und schlichtweg hervorragend vorgetragen) spaltet sich die Zuhörerschaft. Viele sind begeistert, klatschen mit und bejubeln den "neuen" Dylan. Andere lassen ihrer Wut freien Lauf, es gibt ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert, man versucht, durch Geschrei und Getrampel die Musik zu übertönen, vergeblich natürlich.
Was macht Dylan? Der fühlt sich in seinem Element, provoziert zusätzlich mit einer unglaublich arroganten Attitüde, für die man ihn nur entweder hassen oder lieben kann, man höre nur mal die Ankündigung von "Leopard Skin Pill - Box Hat", oder die ironische Bitte vor "One Too Many Mornings", doch bitte nicht zu laut mitzuklatschen. Zum Ende gibt er noch zwei seiner genialsten Songs zum Besten, die für die Situation nicht besser geeignet sein könnten. "Ballad Of A Thin Man", mit einer bis zur Grenze des Erträglichen Spannung vorgetragen, Dylan halb abgewandt am Klavier schleudert immer wieder "Something's happening here, but you don't know what it is, do you, Mr. Jones?" in die tobende Menge.
Und zum Schluß hört man eine Rocklegende entstehen. Jemand im Publikum ruft "Judas", erntet von der Wutfraktion begeisterte Zustimmung, von Dylan dagegen die berühmt gewordene Replik "I don't believe you, you're a liar!", dann wendet er sich zur Band um, sagt "Play f***in' loud!" und stürzt sich in die ultimative Version von "Like A Rolling Stone".
Mehr geht nicht, ich kenne kein besseres und dramatischeres Live - Album. Eine Dylan - Sammlung ohne dieses Konzert ist nicht denkbar.
Dringendste Kaufempfehlung!!!