paradox. das zweite album von deep purple setzt einerseits exakt das konzept des vorgängers fort - und ist andererseits ganz anders. und es markiert einerseits eine deutliche weiterentwicklung und andererseits einen rückschritt.
einerseits ist alles wieder da: das beatles-cover, die anderen hit-covers, die eigenen songs zwischen sixties-pop und proto-hardrock. andererseits ist der blues als farbe völlig verschwunden, stattdessen macht sich orchestraler progrock breit.
weiterentwicklung weil: produktion und sound sind wesentlich besser, die band spielt tighter und interessanter, die eigenkompositionen zeigen ein markantes wachstum im songwriting.
rückschritt weil: man merkt, dass die gruppe unter hohem zeitdruck stand. interessante ansätze im arrangement werden nicht zuende gedacht. mehr eigene songs wären gut und spannend gewesen - und ein bisschen mehr zeit bei der auswahl der covers hätte auch nicht geschadet. vor allem aber: irgendjemand hätte jon lord stoppen können.
das album hat - obwohl es eine intensivere kreative aura verströmt als der erstling - einen etwas unaufgeräumten charakter. das tracklisting wirkt irgendwie verpfuscht. "listen, learn, read on" - ein sehr interessantes spät-sixties-popstück - ist der völlig falsche opener. man hat das gefühl, man steigt durchs fenster ins haus, statt durch die türe. "wring that neck" ist ein sehr originelles, sehr typisches, auch mitreißendes stück - aber hätte da nicht irgendwer einen text und eine gesangsline schreiben können? instrumentals hinterlassen immer so einen faden nachgeschmack von unfertigkeit. "kentucky woman", im original von neil diamond, ist ein feines cover, scheitert aber an der unüberhörbar gestellten aufgabe, ein zweites "hush" zu sein.
"exposition" ist ein schönes stück früher classic-rock, als intro zu paul mccartneys "we can work it out" fast ein bisschen zu breitbeinig. das beatles-stück selber hat wie schon "help" auf dem debüt etwas schwerblütiges, aber auch faszinierendes.
die blackmore/evans/lord-nummer "shield" ist für meine ohren nicht nur der höhepunkt dieses albums, sondern der des gesamten mk-II-schaffens - und gehört überhaupt zu den besten stücken in der bandgeschichte: eine makellos gespielte und gesungene, düster dräuende, meisterhaft gebaute komposition mit eleganten dur-moll-wechseln und einem mittendrin ausbrechenden santana-latinrockbeat mit doors-artigem gitarrensolo, einerseits noch ganz sixties, andererseits schon weit in die zukunft weisend. ähnlich großartig: die zarte und zugleich kraftvolle ballade "anthem", die an die mittleren byrds erinnert und von rod evans mit elvis-stimme fantastisch interpretiert wird. wahnsinn, wenn der gut war, war er sehr gut! warum mitten im song eine kammermusikalische suite für streicher und band ausbrechen muss, erschließt sich nicht logisch. wenn man das aber einfach einmal hinnimmt, bleibt man garantiert nicht unberührt.
"river deep, mountain high" wird, vor allem von rod evans und jon lord (der wieder das ganz große einleitungskino dudelt), mit einer orchestralen ernsthaftigkeit zelebriert, die einerseits beeindruckt, andererseits nur ganz knapp an der unfreiwilligen satire vorbeischrammt.
die bonus-tracks - outtakes und bbc-mitschnitte - sind nicht uninteressant, bringen aber auch die ganz große groteske dieser cd-edition. der titel "it's all over" wird hier mit dem songwriting-credit "unknown", also unbekannt, versehen - und im booklet steht dann so mit einem leichten augenzwinkern, niemand wisse mehr, wo das stück herkomme, vielleicht habe man die melodie "in amerika gehört".
das ist, bitte, eine grobe frechheit: "it's all over" ist eine ungelenke, aber mehr als deutlich erkennbare coverversion von bob dylans "don't think twice, it's allrigt", mit elementen von "it's all over now, baby blue" drinnen. vermutlich ist ihnen das passiert, aber heute könnte man das ja zugeben!
fazit: knapp vier punkte für ein beeindruckend kreatives, aber zu unentschlossenes album. jon lord hat sich hier mit seinem symphonic-rock-faible gegenüber dem popromantiker rod evans und dem hardrocker ritchie blackmore durchgesetzt, was auch längen bringt und manche arrangements sehr belastet. hier kann man bereits hören, dass es diese formation bald zerfetzen wird - die sollbruchstellen knirschen schon.