Ausgerechnet in der Bibliothek des pensionierten Colonel Arthur Bantry, bis ins Mark britisch, liegt höchst dekorativ die Leiche einer jungen Dame zweifelhaften Rufes vorm Kamin. Wäre die junge Frau nicht ermordet worden, so hätte die Eingangsszene durchaus etwas Skurriles an sich... Aber es geht um Mord, und ein Mord ist nicht komisch. Und es kommt noch schlimmer: Nicht nur die Eintänzerin eines nahegelegenen Badeorts wurde ermordet und ausgerechnet an diesem spektakulärem Ort aufsehenerregend hindrapiert, sondern auch noch ein harmloses 16jähriges Schulmädchen. Dessen Mörder scheint allerdings daran interessiert gewesen zu sein, dass die Leiche so schnell nicht gefunden wird, und die Identifizierung scheint er auch fast unmöglich gemacht zu haben. Jedenfalls wird sie nur zufällig so schnell entdeckt.
Das Ganze hat etwas Irreales an sich, nichts passt, das spüren alle Beteiligten. Miss Marple stimmt ihnen zu, aber im Gegensatz zu allen anderen nicht der Gefühle wegen, sondern aus Scharfsinn: Selbstverständlich fallen der alten Dame bald viele Kleinigkeiten auf, die der Aufmerksamkeit der anderen (und auch der des Lesers) glatt entgehen. Für den Zeitpunkt des Mordes haben alle Verdächtigen ein mehr oder weniger glaubwürdiges Alibi -- so scheint es. Viele Puzzleteilchen liegen vor dem hilflos grübelnden Leser herum, die einfach nicht zueinander passen wollen: Ein schwer körperbehinderter Hotelgast (samt verwitweter Schwiegertochter und verwitwetem Schwiegersohn), der zufällig mit den Bantrys bekannt ist, logiert im Hotel, wo die Eintänzerin engagiert war, und aus schierer Sentimentalität hatte er das Mädchen adoptieren wollen. Die Cousine der spektakulär Ermordeten hat ihr zu dem Engagement verholfen und reagiert auf die Nachricht, sie möge ihre möglicherweise ermordete Verwandte im Haus der Bantrys identifizieren, eher verärgert als erschüttert. Ein scheinbar leichtlebiger Filmproduzent wohnt neuerdings in St. Mary Mead und belebt natürlich den Dorfklatsch -- und hat ein schwaches Alibi. Das Enkelkind des adoptionsbereiten alten Herrn war begeistert auf Spurensuche und hat einen abgeschnittenen Fingernagel gefunden. Miss Marple doziert über angemessene Kleidung auf dem Lande und verhört jugendliche Pfadfinderinnen. Und warum wurde das Schulmädchen ermordet? Wenn ich verrate, dass die Antwort auf die letzte Frage den Tathergang in ganz anderem Licht darstellt, dann verrate ich noch lange nicht die Lösung.
Zwar gehört "The Body in the Library" nicht zu den allerallerbesten Krimis von Agatha Christie -- in Höchstform hätte Dame Agatha zum Beispiel nicht so viele verschiedene Polizisten aufgeboten, und die etwas hölzerne Art, in der der Krimi an zwei verschiedenen Orten spielt, zeigt ebenfalls die Grenzen von Christies Erzählkunst auf. Dennoch bietet "The Body in the Library" für Liebhaber des Genres beste Unterhaltung: Der Leser grübelt und grübelt, und die ein oder andere Spur erkennt er möglicherweise sogar. Aber dennoch will da einfach nicht alles zusammenpassen, wie es sich nunmal für Agatha Christies Krimis gehört. Cherchez la femme, cherchez l'homme... ja, aber nach welcher femme, nach welchem homme muss man suchen? -- Ein Glück, dass die herzige Miss Marple nicht nur ausgiebig viele Parallelen zu den Dorfskandalen analysiert und die Leser mit den Abgründen der menschlichen Seele bekanntmacht, sondern auch schwer auf dem Quivive ist, denn sonst wäre die Polizei dem Doppelmörder auf den Leim gegangen, und ein Unschuldiger wäre zweier abscheulicher Morde angeklagt und vermutlich auch verurteilt worden. Good luck, and make a good bag, Miss Marple!