Dieses bei Wilhelm Busch entliehene Zitat ("Die fromme Helene") könnte auch das Problem der Heldin in Fritz Langs Noir "The blue Gardenia" umschreiben: Die junge Telefonistin Norah Larkin (Anne Baxter) feiert ihren Geburtstag nicht mit ihren Wohnungsgenossinnen, sondern allein mit einer Flasche Sekt und dem Bild ihres in Korea stationierten Freundes. Wenig taktvoll beendet dieser aber in einem seiner raren Briefe die Beziehung. Aufgewühlt nimmt sie die Einladung des Malers Harry Prebble (Raymond Burr) an, einem berüchtigten Frauenheld. Nach etlichen Rum-Cocktails landen die beiden in seiner Wohnung, wo die betrunkene Norah irrtümlich in ihm ihren Freund zu erkennen glaubt. Als sie ihren Irrtum bemerkt, ist Harry nicht bereit, sie gehen zu lassen. Nach einer folgenschweren Auseinandersetzung flüchtet Norah. Am nächsten Morgen wird Harry tot aufgefunden und Norah kann sich an nichts erinnern. Der Journalist Casey Mayo (Richard Conte) versucht mit einem offenen Brief an die vermeintliche Mörderin, die Auflage seines Blatts zu steigern. Ob Norah ihm trauen kann?
Als Kriminalfilm funktioniert der Film tatsächlich nur sehr begrenzt, da der Film, obwohl die Gewissensnöte Norahs von Anne Baxter hervorragend dargestellt werden, nie den Eindruck erweckt, sie sei die Täterin. In ihrem alkoholisierten Zustand hätte sie kaum einem Kerl wie Prebble gefährlich werden können, es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Verdächtigste nie der Mörder ist und bei eventuellen Rachegelüsten hätte sie sich in der langen Reihe enttäuschter Frauen, die ihm etwas antun wollten, ganz hinten anstellen müssen.
Aber der Film hat ganz andere Qualitäten. Er zeichnet ein Bild der amerikanischen Gesellschaft der 50er Jahre, wie es vielleicht nur ein Europäer kann, hintergründig, entlarvend, manchmal witzig, teilweise aber auch sehr zynisch. Unterschwellig geht es dabei sehr oft um Sex. Norah teilt sich mit zwei ebenfalls allein stehenden Frauen eine Wohnung: Die reifere Crystel Carpenter (Ann Sothern) ist geschieden, nutzt jede sich bietende Gelegenheit für einen Flirt und scheint wieder eine sehr intime Beziehung mit ihrem Exmann Homer angefangen zu haben. Die junge Sally redet von ihren Kriminalromanen als handele es sich um Liebesgeschichten. Ihr freudiger Aufschrei, als das von ihr vorbestellte Buch ankommt, ließ mich an eine erotische Implikation denken. Hm! Harry Prebble wird zwar als "bad guy" eingeführt, der mit der vagen Ankündigung einer Eheschließung anscheinend eine Reihe erotischer Beziehungen angefangen hat. Dabei versprüht Burr jedoch so viel virilen Charme, dass der Zuschauer ihm seinen Erfolg abnimmt. Richard Conte spielt diesmal den Journalisten, der einer Tatverdächtigen helfen will, in "Kennwort 777" war er der Verurteilte, der mit Hilfe eines Journalisten seine Unschuld beweisen konnte. Zu Beginn stellt sein Fotograph beeindruckt fest, wie viele Telefonnummern von Frauen er habe. Die Beziehung zu Norah nimmt hingegen einen eigenartigen Verlauf: Sie lügt so unglaubwürdig, wenn sie darauf besteht, die Geschichte einer Freundin zu erzählen, öfters verhaspelt er sich, aber Mayo stellt sie nicht zur Rede. Anscheinend macht Liebe wirklich blind, sein entsetzter Ausdruck, als sie verhaftet wird, lässt wirklich Beschützerinstinkte wach werden. Man kann die Darstellung auch als sozialkritisch verstehen. Der film-dienst spricht von der Darstellung der "Abhängigkeit von Frauen in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen". Da ist was dran.
Der Zusammenhang zwischen Emanzipation und Zigarettenqualm ist schon oft herausgestellt worden. Nie habe ich aber den Einsatz von Zigaretten derart pointiert erlebt. Während andere Leading Ladies beim Telefonieren lässig die Zigarette aus dem Mund nehmen, steckt sich Ann Sothern zum Telefonieren eine an. Bevor sie sich morgens ins Bad begibt, steckt sie sich erst einmal eine an, um ihren Tag zu planen. Eigentlich ekelig, aber sehr cool dargestellt!
Die Kameraarbeit ist ganz dem Film Noir verpflichtet. Die nächtliche Tankstelle darf ebenso wenig fehlen wie ein sparsam ausgeleuchtetes Großraumbüro. Die hervorragende Lichtregie kann Langs Wurzeln im deutschen Expressionismus nicht verleugnen.
Der Einsatz von Musik ist beachtlich. Während der Filmscore eher jazzige Elemente präsentiert, steht das von Nat King Cole (taucht auch in einer Szene im Film auf) gesungenen Lied "Blue Gardenia" für Norah, die Musik Richard Wagners ist ein Hinweis auf eine andere Frau. Prebble hatte quasi für jede Frau ein anderes Thema. Dass hier ausgerechnet "Tristan und Isolde" (Liebestod!) zu hören ist, steht im wunderbarem Kontrast zur Begriffsstutzigkeit eines amerikanischen Journalisten ("Musik, eine Oper glaube ich.").
Die Krimihandlung lässt es sich nicht nehmen, immer wiederkehrende Handlungselement wie die obligatorisch blinde Blumenfrau (deren wichtigste Aussage ist, die gesuchte Frau habe eine angenehme Stimme!), die übellaunige Zugehfrau, die erst einmal aufräumt, bevor die Polizei kommt und das am Tatort vergessenen Taschentuch zu gebrauchen. Herrlich unernst wird es, als die am Tatort zurückgelassenen Schuhe -das wichtigste Indiz- dazu dienen, die Möchtegern-Täterinnen aufgrund ihrer falschen Schuhgröße zu "entlarven". Cinderella absurd. Und: "Es gibt keine größere Überraschung als eine Frau ohne Schuhe." Eben.
Die Ausstattung der DVD ist sehr bescheiden. Das Bild ist erkennbar nicht restauriert, immerhin optionale deutsche Untertitel. Als Extras Informationen zu Lang auf einer Texttafel (ohne Brille nur schwer zu entziffern) und den Trailer. Fazit: Auch "Brotarbeit" wurde für Lang nie zur bloßen Routine. Als Krimi durchschnittlich, als Gesellschaftsportrait mit vielen Aha-Effekten. Das Ende war mir persönlich dann doch zu glatt, aber das schmälert nicht den guten Eindruck. Anschauen lohnt sich. Ich schwanke zwischen vier und fünf Sternen, als Lang-Fan runde ich gerne auf!