Bei "The Blitz" von 1984 hört man fast keinen Heavy Metal mehr, wie es noch auf den berühmten vier Vorgängern der Fall war -- man hört eher biederen, radiotauglichen Mainstream-Rock, der ohne Power und Biss daherkommt. Nach den vier Vorgänger-Hammer-Alben ganz klar eine herbe Enttäuschung -- es war aber denke ich einfach der Zeitgeist, der Krokus in diese etwas softe und belanglose Musikrichtung führte. Letztendlich waren Krokus eine Band, die schon seit je her versuchten mit dem Zeitgeist mitzuschwimmen, man änderte ja auch schon 1980 seinen Musik-Stil merklich und versuchte mit Erfolg auf die aufkeimende Hardrock und Heavy Metal-Welle aufzuspringen und Ihren Anteil daran zu haben. Und das hat man ja sehr erfolgreich bis "Headhunter" fortgeführt und verfeinert. Nachdem der echte Heavy Metal etwas abebbte und auch viele andere etablierte Heavy Metal-Bands(Judas Priest, Iron Maiden, Saxon, Def Leppard) plötzlich seichtere Klänge anschlagen, da wollten sich eben Krokus auch nicht lumpen lassen und glichen Ihren Sound dem mainstreamigen Zeitgeist an. Vielleicht hatte der Stilwechsel auch etwas mit dem Weggang eines Ihrer Hauptsongwriter Chris von Rohr zu tun -- zumindest ging der Schuss, aus welchen Gründen auch immer, nach hinten los, denn man versank ab diesem Album etwas in der Versenkung, weil die Fans "The Blitz" nicht so recht annehmen wollten. Es fehlt aber auch irgendwie der richtige Drive, die unbändige Power für die sie bisher bekannt waren, war einfach wie weggeblasen. Eigentlich hatte man mit Bruce Fairbairn einen Top-Produzenten engagiert, der ja zwei Jahre später mit "Slippery when Wet" von Bon Jovi seinen Höhepunkt erschaffte, aber trotzdem hört sich das ganze etwas bieder an und brachte eben nicht so recht die erwünschten Resultate.
Nicht falsch verstehen - die meisten Stücke waren schon schön und sehr eingängig, und ein schlechtes Album ist "The Blitz" ganz und gar nicht, aber es fehlte eben eine gewisse Grundhärte und dieses prägnante Etwas, die das Album zu etwas besonderem hätte machen können. Auch Sänger Marc Storace schrie sich, wie bisher, nicht mehr die Seele aus dem Leib, sondern mutierte in einen gemässigteren Gesangs-Stil über, mit etwas tieferen Gesangslinien. Es war das erste Album mit Marc Storace für mich, bei dem ich keine Lust hatte, ihn vor dem Spiegel zu imitieren, und das sagt schon viel über dieses Album aus. Dieses rauhe,urgewaltige und rohe, dass seine Stimme bisher auszeichnete, war plötzlich weg. Nicht dass er nicht immer noch ein guter Sänger gewesen wäre, er spielte seine eigentlichen Stärken, die nun mal in seiner rauen rauchigen Stimme lagen, die es bis zum Anschlag quälte, nicht mehr richtig aus, plötzlich wollte er als normaler "Schlager"-Sänger punkten - und das war sehr schade.
Kommen wir zu den Songs im einzelnen:
1:"Midnite Maniac" ist ein sehr eingängiger Rocksong mit schönen Riffs und schönen Gesangslinien, bei dem auch der Refrain richtig gut ist -- der Höhepunkt des Albums 5/5
2:Der eingängige Heavy Metal-Kracher "Out of Control" ist eine Huldigung vor Ihrer Vergangenheit und der härteste Song dieses Albums. Auch der einzige Song bei dem Marc Storace seine Stimme so wie früher einsetzt, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Das ist es doch, sie können es doch offensichtlich noch 5/5
3:"Boys Nite Out" ist ein flotter Pop/Rock-Song, der von Bryan Adams mitkomponiert wurde, sehr Single-geeignet 4/5
4:"Our Love" empfinde ich als recht biedere Halb-Ballade, die zwar ein recht geiles Grundriff hat, aber der stumpfe Refrain kann mich nicht begeistern - Warum Sie in den USA trotzdem ein Erfolg war verstehe ich nicht so recht - Amis halt! 3/5
5:"Out to Lunch" kommt dann recht AC/DC-mässig daher, recht langsam schleppend mit betont bratenden Gitarren-Riffs, ganz nett 4/5
6:Die Sweet-Cover-Version "Ballroom Blitz" war ja schon in Ihrer Ur-Version eher ein Pop-Song, sie wird zwar durch Krokus etwas härter - letztendlich war aber gerade durch solche Songs der Niedergang dieser Band beschlossene Sache, weil es das Album zwangsweise verweichlicht und keinen Beitrag zur Weiterentwicklung dieser Band leistet -- Trotzdem eine annehmbare Single - aber kein Song der das Hauptaugenmerk dieses Albums verdient oder das Album tragen kann 3/5
7:"Rock the Nation" ist da schon wieder ein ganz anderes Kaliber - ein richtig guter Rocker mit einem schönen Refrain und einem richtig interessantem Mittelteil -- ein Höhepunkt des Albums, gerade weil es ein zeiloser Hard-Rock-Song ist 5/5
8:"Hot Stuff" ist dann wieder eine langsamer, relativ weicher Rocksong, der aber trotzdem ein gutes Grundriff besitzt und ganz gut rockt -- trotzdem irgendwie zu weich - und nicht Fisch, noch Fleisch ist 2/5
9:"Ready to Rock" soll dann den megaeingängigen Stadion-Rocker mimen, mit Mitgröhl-Refrain, bei dem in dieser Version bereits Publikum beigemischt wurde um eine gewisse Live-Atmosphäre zu erzeugen -- ganz nett, aber auch nicht wirklich der Reisser 3/5
Im Grunde genommen ein Album, das die Welt zwar nicht braucht, aber trotzdem ganz nett ist, dass es es gibt! -- Es ist kein einziger Klassiker darauf enthalten und wenn man miteinbezieht zu was für tollen Alben Krokus einmal fähig waren, dann spielt man hier ganz klar nur noch in der zweiten Liga. In den USA kam "The Blitz" trotzdem bis auf Platz 31 der Album-Charts -- alleine daran sieht man, dass Krokus in den USA zu den Megasellern gehörten und einen richtig hohen Status inne hatten -- richtig schlecht ist das ganze hier ja auch nicht, aber eben doch der erste Schritt dem Abgrund entgegen -- und der radikalste Stilwechsel sollte uns ja noch bervorstehen mit dem nächsten Keyboard-durchdrängten Weich-Spüler "Change of Address".