Da stand ich also in Hamburg mit meiner Eintrittskarte in der Hand für ein Konzert das niemals statt finden sollte und fühlte mich von Pete Doherty persönlich versetzt. Aber spuhlen wir nochmal zurrück für alle die jetzt erst eingeschaltet haben: In irgendeiner Klatschspalte hast du den langen Lulatsch mit dem Mondgesicht und den Rehaugen bestimmt schonmal gesehen, wahrscheinlich Seite an Seite mit seinem weltbekannten Supermodel Girlfriend. Er ist ein Fashion Icon, seit Schultagen schon ein gefeierter Dichter, ein Wiederholungsstraftäter, ein Suchtkranker, der Liebling seiner Mutter, ein öffentlich angeprangerter Bürgerschreck, er wird von seiner Fan Gemeinde messianisch verehrt und von vielen anderen voller Verachtung in Internet Foren regelmässig imbrünstig beschimpft.
Hier geht es jetzt aber um seine Musik, deshalb kauft man ja schliesslich auch ein Album. Ich habe dieser EP 5 Sterne nicht leichtfertig gegeben. Gemessen an den Sternstunden der Musikgeschichte kann jemand ein gutes Album machen und mit 3 Sternen völlig zufrieden sein. Ich war Petes Musik nicht von Anfang an zugetan. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich in den krachenden, gewitterartigen Entladungen der Libertines eine virtuose Komplexität ausmachen konnte, die wirklich alles andere für mich ist als hingerotzt. Dann kam die Down in Albion von den Babyshambles, der Sound war sehr organisch, überall knarzte und quietschte es und alles war viel tranparenter als gewohnt. Nun also "The Blinding", die Songs nach der Bandauflösungsdepression. Hier wirkt alles sehr entspannt. Die Songs sind sauber produziert ohne steril zu wirken . Im Titeltrack (3 Sterne) entlädt sich in einem psychotisch monotonen Reigen beim Hörer erstmal die Alltagsanspannung danach ist man frei für den weiteren, entspannteren Verlauf des Albums. "Love you but you're green" (5 Sterne) ist harmonieverliebt und wird von einem gröligem, mehrstimmigen Chorus angenehm aufgebrochen. Danach kommt eine quirrlige Reggae Nummer (4 Sterne), die sich perfekt zum ausgelassenen Flanieren eignet. "Beg, steal or borrow" (5 Sterne) hat alles: Rhytmisch und melodisch erhaben, zeitlose Eleganz und dann dieser Gesang, wie von einem bekifften Alien. "Sedative" (5 Sterne) ich kann es nicht argumentieren, aber ich finde in dem Lied steckt eine Neurose heilende, erlösende Kraft.
Pete Doherty ist kein Musiker und man merkt immer wieder das er darum ringt stimmlich und instrumental dem gerecht zu werden, was er in seinem Kopf hört. Aber genau das macht diese glaubhafte Dringlichkeit in seiner Musik aus. Die angestaute Emotion bahnt sich ihren Weg.
"The Blinding" hopefully not the last thing that we'll ever see!
Und verdammt Pete das nächste mal komm auch zum Konzert, wenn du die Leute Tickets kaufen lässt.