Tom beginnt seine dritte Schaffensdekade 1990 am Thalia-Theater in Hamburg. Robert Wilson adaptiert hier den Freischütz-Stoff, William Burroughs, der große alte Mann der amerikanischen Beatnikbewegung steuert doppelbödig-dunke Texte über Drogenmissbrauch und seine Folgen bei - und Tom der Teufel macht dazu die Musik. Die Welt ist im Umbruch - und der schwarze Reiter macht nachts an den Wegkreuzungen im Wald glänzende Geschäfte.
"The black rider" erschien erst 1993 auf Platte. Vielleicht brauchte es ja zunächst den Erfolg von "Bone machine", damit Island Records den Mut fasste, diese Songs auf die Menschheit los zu lassen. Damit wird "The black rider" zu Toms letzter Veröffentlichung bei seinem zweiten Label, obwohl sein Inhalt gute zwei Jahre älter ist als die Vorgängerplatte. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, "The black rider" an den Anfang der 1990er zu stellen. "Bone machine" von 1992 ist eine Weiterentwicklung des hier eingeschlagenen Wegs und gehört daher in der Reihe weiter nach hinten.
"You know my number - 3927704 - call any time". Auf "I'll shoot the moon" fordert uns Tom dazu auf, doch mal anzurufen. Wer könnte da wiederstehen - selbst wenn auf der anderen Seite der Gehörnte den Hörer abnimmt. Denn niemand anderes ist es, der uns hier in der "Lucky Day Overture" in "Harry's Harbour Bizarre" seine Freaks vorführt, der in "The black rider" lockt und in "Just the right bullets" den Dealer mimt.
Das ganze Album ist eine Monstrosität. Es ist bis in seine kleinsten Winkel hinein theatralisch maßlos überzogen. Hier finden sich mit "Gospel Train" und "Oily night" Toms brutalste Songs. Greg Cohen ist zum letzten Mal mit von der Partie und hinterlässt einige derart schief-bucklige Instrumentals, dass man nur mit offenem Mund staunend daneben stehen kann. Auf "November" heult die singende Säge wie nie zuvor, im "Russian Dance" stampfen Leute in schweren Stiefeln den Beat und Tom zählt Russisch dazu den Takt ein. Zugpfeifen heulen, echte Krähen krächzen über dem Himmmel der Songs, in "Flash pan hunter" heult Tom wie ein geprügelter und hungriger Hund, dass es einem das Herz zusammen krampft. "Crossroads" ist für mich musikalisch der Höhepunkt der Platte, ein dunkler, böser, lauernder Song, unheilsschwanger und tragisch. Und "That's the way" muss man gehört haben, mit der alten brüchigen Stimme von William Burroughs beim Vortrag eines bodenlos-traurigen, weltverlorenen Gedichts, unterlegt von Toms melancholisch wimmernder Theater-Musik.
Mit "The black rider" befinden wir uns tatsächlich an einer Wegkreuzung. Einigen alten Fans geht die Richtung, die Tom mit seinem Weg zum Theater musikalisch hier einschlägt, zu weit. Es gibt Stimmen, die rückblickend meinen, mit seiner Kolaboration mit Robert Wilson habe er sich verrannt, das ganze sei ein Irrweg über den man besser den Mantel des Schweigens deckt. Zu extrem, zu artifiziell.
Ich mag mich da nicht festlegen. Ich kann nur eins sagen: "The black rider" hat mich noch jedes Mal in seinen finsteren Bann ziehen können. Diese Platte ist ein akkustischer Snuff-Film, sie ist Toms Version von Death Metal. Oder, um ihn selbst vom Live-Vorgänger "Big Time" zu zitieren: "Not for everyone. Whose, who love action maybe."
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Dies ist der dreizehnte Teil meines Annäherungsversuchs an den Waitschen Kanon. Zum Vorgänger gelangen Sie hier: "
Big Time". Weiter geht es mit "
Night on Earth".