Mit „The Black Halo" haben Kamelot ein beeindruckendes Kraftpaket vorgelegt, das als „Epica"- Nachfolger an dessen Thematik um Goethes Faust anknüpft, musikalisch aber keineswegs den Erfolg des 2003er-Albums kopiert, sondern einen ganz eigenen Reiz besitzt und sicherlich mitunter die feinsten Momente und anspruchsvollsten spielerischen Elemente besitzt, die es von der Band bislang gab. Gitarrist Tom Youngblood spielt wesentlich mehr Soli als bisher; und alle passen wie angegossen - ein Pluspunkt für True Metal- Fans, ebenso wie die allgemein sehr heavy ausgefallene Gangart des Albums, siehe die brachialen Powerriffs, welche MOONLIGHT einleiten und die durchweg beachtlichen Kunststücke in Sachen Rhythmus- Gitarre, welche die Kompositionen durchweg veredeln. Daneben sind zahlreiche Arrangements komplexer und ausgefeilter als je zuvor und lassen Kamelot durchaus als Prog Metal- Band durchgehen: In Songs wie ABANDONED, MEMENTO MORI oder auch SERENADE wird gekonnt unaufdringlich zwischen geraden und ungeraden Rhythmen gewechselt, wie auch Gitarre, Bass und Drums im unwiderstehlich tighten Zusammenspiel stets mit bestechenden Akzentuierungen für perfekte Drives sorgen. Diese Elemente erinnern zuweilen an Bands wie Vanden Plas, während MEMENTO MORI mit seinen dramatischen Akkordabfolgen in den instrumentalen Zwischenspielen an beste Queensryche- Zeiten erinnert. Kamelot sind also längst alles andere als eine einfache Melodic Speed Metal- Kapelle mit Mitsinghymnen. Von allen Klischees entfernen sich die Ausnahmekönner aus Florida mit „The Black Halo" stärker als je zuvor. Melodien wie Harmonien sind schwerer vorhersehbar geworden und enthüllen in jedem weiteren Hördurchgang immer neue magische Momente. Die prächtig ausdruckstarke Stimme von Sänger Khan wird zur Erzeugung mysteriöser, druckvoller bis dramatischer Atmosphären gewinnbringend und vielseitig eingesetzt. So beginnt er in den beiden emotionalen Höhepunkten des Konzeptalbums, der Ballade ABANDONED und dem komplexen 8:54 Minuten langen MEMENTO MORI, das voller packender Wechsel steckt, im ganz tiefen Gesangsbereich und hat zudem in zahlreichen Songs mal eine Strophe, mal eine Bridge ganz für sich allein und wird nur durch spannende Atmosphären und Effekte unterstützt. Die wie schon auf den Vorgängeralben hervorragende, ausgefeilte Orchestrierung ist das Sahnehäubchen auf einem der außergewöhnlichsten und vielfältigsten Metalalben der letzten Jahre: Mal unterstützen elegante Blechbläser- oder Streicherstimmen im Hintergrund mit eigenständigen Melodien die Harmonien, und zwar völlig unaufdringlich im Hintergrund, beinahe wie ein notwendiges Echo der grandiosen Gesangsmelodien wie in SOUL SOCIETY, mal sorgen sie beinahe in Nightwish- Manier für monumentale und hochdramatische Momente, die aber so schnell wieder Platz für das spielerische Können der Band machen, wie sie aufgebaut wurden und somit zu keinem Zeitpunkt für überladene Atmosphären sorgen.
Insgesamt ist „The Black Halo" ein wenig düsterer ausgefallen als „Epica", was hervorragend zur Thematik passt: Protagonist Ariel muss die schmerzvollen Auswirkungen seines Paktes mit Mephisto ertragen. Erschüttert in seinem Glauben an Gott, zwischen seiner Liebe zu Helena und Trugbildern hin und her gerissen steht für ihn zum Schluss anscheinend die Erkenntnis über Gut und Böse und die mutige Botschaft zum Durchhalten. Geschickt weisen „Kamelot" auf die Geschehnisse in „Epica" zurück, indem die gleiche weibliche Gaststimme in ABANDONED wieder „Helenas's Theme" vom Vorgängeraöbum aufgreift, während in MOONLIGHT die Melodie instrumental wieder auftaucht. Und auch weitere Gaststimmen haben ihren Auftritt: Cinzia Rizzo, die schon auf „The Fourth Legacy" in „Nights of Arabia" und auf „Karma" sowie „Epica" in Background- Chören gastiert hat, singt das italienische INTERUDE II - UN ASSASSINIO MOLTO SILENZIOSO; Shagrath von Dimmu Borgir gibt kurz die bösartige Stimme Mephistos in MEMENTO MORI, und Simone Simons, Leadsängerin von Epica (die Band, nicht das Kamelot- Album, versteht sich), liefert in THE HAUNTING (SOMEWHERE IN TIME) ein Gesangsduett mit Khan, das unter die Haut geht.
Und auch instrumental haben Kamelot prominente Verstärkung durch Stratovarius- Keyboarder Jens Johansson, der mit einem tollen Solo in Opener MARCH OF MEPHISTO (überraschenderweise kein Speed- Brecher zum Einstieg ins Album, sondern eine düster druckvoll schreitendes Spannungs- Bollwerk) für ungeahnte Töne auf einem Kamelot- Album sorgt, und in WHEN THE LIGHTS ARE DOWN (prächtiger Double Bass- Einheizer) sogar ein Doppelsoli mit Tom Youngblood abliefert.
„The Black Halo" ist schwer zu beschreiben, weil es so viele Stilrichtungen integriert und Abwechslung bietet. Man könnte von epischem, orchestralem Melodic Speed Progressive Power Metal reden... oder einfach von Kamelot in Perfektion.