Das Internet versorgt uns ohne Zweifel mit faszinierenden neuen Möglichkeiten, die manche schon vor Jahren, wie Piere Levy, vom Entstehen einer kollektiven Intelligenz träumen lassen. Vor lauter Begeisterung über die Chancen, hat sich aber bisher kaum jemand differenziert mit den Schattenseiten und Gefahren auseinandergesetzt.
Wer darüber mehr wissen und aus kritischer Perspektive verstehen will, wie das World Wide Web Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und uns selbst verändern kann, muss Nicholas Carr lesen. Seine brillant beschriebene Geschichte der Vernetzung der Welt zieht eine überzeugende Parallele: So wie die Entdeckung der Elektrizität zu einem radikalen Wandel fast aller Bereiche unseres Lebens geführt hat, so ist das Internet dabei unser Leben zu revolutionieren. Doch anders als die Elektrifizierung der Welt, die zu einer beispiellosen Erhöhung des Lebensstandards für die Massen geführt hat, bedroht das World Wide Web durch die Möglichkeiten der Standardisierung, Automatisierung und Vernetzung viele Berufsgruppen, was z.B. Journalisten gerade eindrücklich erleben. Carr zeigt, dass die Pioniere ' wie zu Zeiten des Goldrausches ' innerhalb kürzester Zeit märchenhafte Vermögen erwirtschaften können, während immer mehr Nutzer unter Arbeitsverdichtung, dem Zwang permanenter Erreichbarkeit und sinkenden Löhnen leiden. Crowdsourcing, die kostenlose Mitarbeit der Nutzer, nützt vor allem den Unternehmen. Sogar das Auseinanderdriften von arm und reich sieht Carr als eine Folge dieser von wenigen angeeigneten und keiner gesellschaftlichen Kontrolle unterlegenen Rationalisierungsgewinne. Aber nicht nur das: Datenverarbeitungsysteme, so Carr, folgen der Logik der Bürokratie und überziehen die Gesellschaft mit einem immer präziseren Netz engmaschiger Kontrolle. Vor diesem Hintergrund löst sich die Vision neuer Freiheiten durch das Netz auf, war sie doch lediglich einer Übergangsphase geschuldet, in der Politik und Wirtschaft aufgrund der rasanten Entwicklungsgeschwindigkeit kurzzeitig in die Defensive gerieten. In Carrs kritischer Perspektive wächst sich das Internet, dessen Ursprung nicht von Ungefähr beim Militär lag, zu einem universellen Big-Brother-System aus, dem es zunehmend gelingt, unser Denken, Fühlen und Handeln ' ohne dass wir es merken ' in immer mehr Bereichen zu steuern. Detailliert belegt er, wie personalisierte Suchmaschinen und Internet-Shops uns mit gefilterten Informationen versorgen und unsere Bedürfnisstruktur beeinflussen. Auch Politik, Militär und Geheimdienste nutzen die neuen Möglichkeiten: Ausgefeilte Data Mining Systeme folgen unseren Spuren ' Privatsphäre und Anonymität sind längst eine Illusion. Carr ergeht sich aber nicht nur in Schwarzmalerei , sondern verweist durchaus auch auf Chancen. Wichtig sind seine Hinweise auf die Ambivalenz vieler der neuen Errungenschaften. So kann z.B. das, was wir als Erleichterung und Service empfinden, indem wir auf unsere Bedürfnisse zugeschnittene Angebote erhalten, auch zur schleichenden Abschaffung unserer mühsam erkämpften Freiheiten führen.
Anders als naive Propagandisten der sagenhaften Möglichkeiten des Internet, analysiert Carr in differenzierter Weise Chancen sowie Gefahren und wagt sogar einen visionären Ausblick, der an unsere eigenen Überlegungen anknüpft. So hatten wir in unserem Wissenschaftsthriller 'Gottes Gehirn' (Burow & Johler 2000/2009)
Gottes Gehirn: Thriller derzeit lebende Wissenschaftler mit leicht abgewandelten Originalzitaten vorgestellt, die davon träumen, den menschlichen Geist in eine Maschine zu übertragen und damit ein Superhirn zu schaffen. War das bei uns noch eine illusionäre und blutige Angelegenheit, indem die Schöpfer der kollektiven Intelligenz Gehirne raubten und neu zusammenfügten, so zeigt Carr anhand der Visionen der Google-Gründer, Brin und Page, dass unsere literarische Phantasie auf ganz andere Weise Realität zu werden droht: In Weiterführung der Ideen des Begründers der Künstlichen Intelligenz, Marvin Minsky, (der bei uns Lennard Lansky heißt) träumen die Google Gründer Brin und Page von der Weiterentwicklung ihrer Suchmaschine zu einer Art Superhirn, einem kleinen Programm, dass sie direkt in unserem Gehirn installieren möchten. Hier zeigt sich, dass unsere Freiheiten von einem bestimmten Typ von Wissenschaftlern und Technikmachern bedroht sind, die fasziniert von den Möglichkeiten der Berechenbarkeit der Welt, vergessen, was unser Menschsein ausmacht. Für sie ist das Universum keine Emanation eines geheimnisvollen Geistes, sondern der logische Output eines Computers. 'Sobald das Universum entstand, begann es zu rechnen' behauptet der MIT Professor Seth Lloyd. Carrs Buch zeigt, dass es höchste Zeit ist, diesem Denken Grenzen zu setzen und dafür zu sorgen, dass das Internet zu einer Quelle neuer Freiheiten und nicht der Kontrolle durch eine Plutokratie wird.
Prof.Dr. Olaf-Axel Burow Universität Kassel