Seit 17 Jahren spalten Scooter die Massen. Was für die einen (wie für mich) der Garant für gute Laune ist, ist für andere der immer gleiche Kirmesmüll. Aber selbst im Fanlager wurden spätestens beim letzten Album 'Under the radar over the top'- wo der schon zuvor angegangene Jumpstyle mit Hardcore-Elementen verschärft wurde- die Stimmen laut, es fehle an Abwechslung und Überraschungen. Und die erste Singleauskopplung 'The only one', die den typischen Scooter-Sound präsentierte, floppte in den Top 50. Dafür haben wir jetzt alle die volle Quittung bekommen.
Schon die Hörproben des neuen Albums, dessen Titel wirklich gerechtfertigt ist, ließen einiges vermuten: Scooter richten auf dem neuen Longplayer ihre Wege größtenteils neu aus.
Allein die ersten Songs sind für alle hartgesottenen Fans ein Kulturschock beim ersten Durchgang (und später auch noch): Hier bekommen wir dreckigen Dubstep vor die Ohren gelegt. Eine sehr eigene Stilrichtung, wo viele Spielereien mit Vocals, Synthis und vor allem der Bassline getrieben wird. Der Rhythmus wechselt schon mal, ist er meistens aber eher als schleppend zu bezeichnen. Am gelungensten davon ist der Opener und die zweite Single 'David doesn't eat', die mit catchy Strophen und Nick Straker's 'Walk in the park' glänzt.
Gelungen sind auch die zwei weiteren Dubstep-Tracks: Richard Sanderson's süßliches 'Reality' klingt in 'Dreams' recht verschroben, wenn auch der Rhythmus hier etwas flotter ist.
'Beyond the invisible' ist noch etwas schwerfälliger als die beiden Vorgänger, da der Track im Refrain schwermütig ausfällt und die Spielereien hier auf die Spitze getrieben werden- ob die Schlumpfraps von H.P. Baxxter stammen? Dennoch ist auch dieser Track sehr reizvoll.
Nach 3 Songs ist das Maß an Dubstep ausgeschöpft und Scooter schielen in den nächsten beiden Tracks erstmal auf die Charts. Bei 'Sugary dip' haben sich die Jungs den Refrain von 'Have you ever been mellow?' vorgenommen und das typische Scooter-Prinzip hier etwas mehr als zuvor erfüllt, allerdings an den Trends orentiert, mit Guetta- und Quitsch-Sounds.
Für mich eher ein Skip-Kandidat, dafür ist 'It's a biz (Ain't nobody)' als Pitbull-Kopie grade noch so gut gegangen. Das hat man vor allem dem melidiösen Frauen-Refrain zu verdanken und das ich diese etwas anderen Fantastischen Vier nicht immer ganz ernst nehmen kann.
Nach 5 Nummern dürfen wir aufatmen: Es gibt sie noch, die guten alten Scooter-Tracks.
'C'est bleu' ertönt im Sound der umstrittenen Vorgängerscheibe (worüber man sich hier wiederum freut, komisch), zusammen mit der Schlagersängerin Vicky Leandros ist ein tolles Feature gelungen, vor allem der Refrain ist in typischer Oldschool-Scooter-Manier umgesetzt werden. Herrlich, so was zu hören, trotz gelungener Experimente; man darf den Fans ja nicht gleich den altbeliebten Sound ganz entwöhnen.
Mit '8:15 to nowhere' liegt der erste Instrumentaltrack vor, der mit Pizzicato-Klängen und Quietsch-Sounds eine simple und eingängig gestrickte Melodie hinlegt. Ich habe immer niedrige Erwartungen von den instrumentalen Stücken Scooters, deswegen bin ich hier positiv überrascht.
'Close your eyes' kann man zu den Album-Stücken von Scooter zählen, die eher im Trancegebiet ansiedeln. Der Refrain klingt ungewöhnlich hymnisch, eine stimmungstechnische Steigerung bleibt aber trotz hellen Großraumtrance-Synthis aus; der Rhythmus ist hier etwas sanfter geraten.
Mit 'The only one' kommen wir zu meinem Favoriten. Mir ist heute noch ein Rätsel, wie die Singleauskopplung wie keine andere dermaßen gefloppt ist. Gut, der Refrain hat trotz aller Eingängigkeit keinen Hymnencharakter, trotzdem wird uns hier eine Nummer nach alter Tradition mit rund 140 BpM vorgelegt- ohne irgendwelche Jumpstyle-Elemente, nicht im Shuffle-Rhythmus. Hatte darauf niemand mehr gewartet? Scheinbar nicht. Ich kann das ganze Arrangement nur loben, insbesondere die Strophen mit Acidsounds und den tollen Pianozwischenteil. Bloß der 'zweite' Refrain, den man sich deutlich von 'One (Always hardcore)' abgeguckt hat, passt mit seinem Stadioncharakter gar nicht zum Song und klingt etwas gewollt.
'Sex, drugs and rock'n roll' lässt wieder die Leute begeistern, die grade den Urban Dance-Sound der aktuellen Charts lieben- mich nicht, auch der Refrain lässt mich hier hier weiter skippen.
In 'Copyright' schafft man es, aktuell angesagte Elemente mit Altbewährtem gekonnt zu verknüpfen. Mit einem Gastrapper kommt H.P. Baxxter in den Raps in doppeltem Tempo wie sonst daher, der Refrain ist so stark, dass er von hellen Synthis und einer Tekhouse-Bassline bestimmt wird, Gesang wäre hier fehl am Platze. Auch einer meiner Faves.
Mit den nächsten Tracks bin ich noch im Zwiespalt. Mit 'Bang bang club' lässt man den 80er-Jahre-Sound mit ein paar aktuellen Sounds Revue passieren, nur selten setzt eine Frauenstimme ein. Irgendwie klingen einige Samples nach 'Slice me nice' von Fancy.
'Summer dream' setzt nochmals aufs Jumpstyle-Konzept und klingt vom Arrangement eigentlich auch anständig. Bloß der Lalalala-Refrain mit Mickey Maus-Stimme ist bisher nix für meine Nerven. Mit 'Mashuhaia' dümpelt eine typische Instrumentrancenummer ohne Höhepunkte vor sich hin, bis die nette Neuauflage von 'Friends' den Abschluss bildet, die mir besser gefällt als das Original, da sie etwas flotter und spaßiger daherkommt. Ein fettes Exra kommt noch auf CD 2 und auch im Download auf uns zu: In 80 Minuten kriegen wir den Suck-My-Megamix zu hören, der alle Singles von Anfang bis heute beinhaltet, bei dem man sich hörbar Mühe gemacht hat. Damit könnten sie Wolle Petry mit seiner längsten Single ablösen, wenn man sich hier für eine Auskopplung entscheidet.
Gerade mal ein Drittel der 15 Songs klingen nach der Band, die ich mal gekannt habe (hehe). Aber jene hat mal nach einer so langen Karriere das Recht auf Mut (und Not?), neue Soundteppiche zu betreten. Und ich muss sagen, dass der Großteil davon geklappt hat, auch wenn ich manchmal kaum glauben kann, dass hier der Name Scooter draufsteht.
Immerhin haben die Fans im letzten Jahrzehnt so gut wie immer das bekommen, was sie erwarteten- und wohl manchmal auch zuviel des guten, deswegen ist ja jetzt damit Schluss. Selten hat mich eine Platte so verdutzt wie diese beim ersten Durchgang, doch von Mal zu Mal gefällt mir das Resultat besser.
Meiner Meinung nach ist 'The big mash up' die bisher abwechslungsreichste Platte geworden. Manche Ausflüge in die Charts müssten nicht sein- aber sind wohl auch von Nutzen, um der jüngsten Kundschaft zu gefallen. Normalerweise bewerte ich bei einer Rezension jeden Song einzeln, hier würde es mir schwer fallen, da meine Ohren Ungewohntes hören und ich lieber auf den Langzeiteffekt warte.
Interessant ist übrigens noch, dass der Megaphon-Effekt, der seit 'We bring the noise' so gut wie in allen Songs benutzt wurde, nur noch äußerst selten verwendet wird. Ich kann nur für mich sprechen, dass das für meine Ohren deutlich angenehmer klingt.
Jetzt bleibt mal zu abzuwarten, was die Charts mit sich bringen. Immerhin hat die Band bis zum Erscheinungstag mit Hörproben gegeizt, ein Video liegt erst seit heute vor. Beides ist möglich- Erfolg wie eh und je genauso wie eine Bauchlandung. Ich hoffe auf ersteres.
Gesamtbeurteilung des Albums: 4,25/5 Punkte
Favoriten (geordnet): C'est la bleu
The only one
Copyright
David doesn't eat