Von allen grotesken Figuren, die man im Universum der Brüder Coen antreffen kann, ist Jeff "The Dude" Lebowski der mit Abstand coolste Typ und obwohl dieser moderne Wiedergänger der Hippie-Zeit ein selbsternannter fauler Sack ist, hat er es inzwischen sogar zum Kultstatus gebracht, denn er taucht mittlerweile in allen möglichen Ecken der Popkultur auf und es soll nicht wenige Menschen auf diesem Planeten geben, die mindestens ein Mal in der Woche versuchen, den unnachahmlichen Lebensstil dieses hedonistischen Prachtexemplars zu kopieren. Man kann sich in ein schickes Auto setzen, Designer-Klamotten tragen, mit Statussymbolen ausstaffieren, wenn man etwas hermachen will, oder man kann so sein wie der Dude, der von all dem nichts hat, aber trotz aller noch so widrigen Umstände beharrlich seine Philosophie des Easy Livings pflegt, um sich auf diese Weise systematisch dem Konformitätsdruck der Gesellschaft zu entziehen. Der Dude ist ein ganz entspannter Typ, der am liebsten in einem Bademantel den ganzen Tag durch die Gegend schlürft. Frauen sind ihm suspekt, er hat seine Ernährung fast vollständig auf White Russian umgestellt, raucht schon mal einen Joint beim Autofahren und zündet gelegentlich ein paar Kerzen an, wenn er hirntot in der Badewanne liegt und New Age-Musik hört. Der Dude ist so lethargisch, dass ihn nichts aus der Fassung bringen kann, Aggression läuft bei ihm nicht, außer wenn jemand die Eagles auf Heavy Rotation setzt, die er ebenso hasst wie das Stressgequatsche seines besten Freundes Walter auf der Bowlingbahn, die für den Dude so etwas wie ein zweites Zuhause ist, eine Oase der meditativen Ruhe, wo die wirklich wichtigen Dinge des Lebens in homoerotischen Männerrunden ganz sachlich ausdiskutiert werden können. Normalerweise wird ein Typ wie der Dude von der spießbürgerlichen Gesellschaft komplett ignoriert, was allerdings ein schwerer Fehler ist, den die Coens natürlich nicht begehen, denn für sie ist er genau der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um auf einer Reihe von Missverständnissen und Nichtigkeiten eine rabenschwarze Komödie zu konstruieren, die diesem unverdrossenen Überlebenskämpfer zu einer würdigen Hommage gereicht.
So bescheren ihm die Coens einen magischen Moment, als er eines Nachts nach Hause kommt und auf zwei Einbrecher trifft, die ihm nicht nur eine Tracht Prügel verpassen, sondern auch noch dreist auf seinen Wohlfühlteppich urinieren, der die Wohnung erst so richtig schön gemütlich gemacht hat. Es sind zwei von Jackie Treehorns Schlägern, die das nur getan haben, weil sie ausgerechnet den Dude mit seinem steinreichen Namensvetter Lebowski verwechselt haben, dessen promiskuitive Frau Bunny, eine blutjunge Nymphomanin, dem Boss der Teppichschänder noch eine Menge Geld schuldet. Aber keine Angst, der Dude wird für Gerechtigkeit sorgen, zumindest versucht er erst einmal jemanden zu finden, der für sein Lieblingsstück aufkommt. Zur Seite steht ihm dabei Walter, seines Zeichens leidenschaftlicher Bowlingspieler und traumatisierter Vietnamveteran. Der cholerische Walter ist der Prototyp eines adipösen Amerikaners, der seine konservativen Prinzipien wie eine Anstecknadel am Revers spazieren trägt und über das Temperament einer scharfen Handgranate verfügt, die jeden Moment explodieren kann. Er überredet den Dude zu Lebowski zu gehen, und eine Entschädigung für den Teppich zu fordern. Dieser lehnt jedoch ab, dafür hat der pseudo-aristokratische Self-Made-Millionär aber einen Job für ihn, denn die kleine Bunny wurde inzwischen von Erpressern entführt, sodass der Dude nun das Lösegeld in Höhe von einer Million Dollar überbringen soll. Was verdammt viel Kohle ist für Typen wie Walter und ihn. So beschließen sie den Koffer bei der Übergabe auszutauschen, womit der Ärger erst so richtig losgeht.
Eigentlich obliegt es ja den Protagonisten eines Films, die Handlung durch aktives Tun voranzutreiben. Nicht so der Dude, bei dem alles nur auf Zufall basiert. Es sind vielmehr die Coens, die ihn von einem Punkt des Plots zum anderen schubsen und mit jeder weiteren Minute erhöhen sie die Sogkraft, die den Dude aus seiner buddhistischen Gelassenheit in den Strudel des Chaos zieht, bis er schließlich sein viel beschworenes Gefühl von der "heiligen Schei*e" am eigenen Leib zu spüren bekommt. Ein Achtklässler stiehlt ihm die Beute, ein tollwütiges Murmeltier macht in der Badewanne Jagd auf seinen Johannes, der knallharte Walter verkloppt eine unschuldige Corvette und zu allem Überfluss wird der Dude von Lebowskis zombieartiger Tochter Maude mitsamt ihrer bizarren Fluxuskunst auch noch als Samenspender missbraucht. Dieser Film funktioniert wie ein schillerndes Kaleidoskop, das mit jedem weiteren Blick, den man hineinwirft, eine neue Facette offenbart, weil er so proppevoll ist mit hämischen Seitenhieben, kleinen Geschmacklosigkeiten, makabren Situationen, surrealen Traumsequenzen und originellen Bildeinfällen, die auch mal die subjektive Sicht einer Bowlingkugel zeigen, die nicht nur in den Pins landet, sondern auch in den Genitalien von Flea von den Red Hot Chili Peppers, weil die Coens ja so unheimlich gern Musiker malträtieren. So wird Aimee Mann ein Zeh abgeschnitten und Jimmie Dale Gilmore bekommt vom galligen Walter eine Pistole an den Kopf gehalten, weil er beim Bowlen partout keine Null schreiben will und alleine schon wie die kleingeistigen Absurditäten einer Bowlingbahn hier durch den Kakao gezogen werden, stellt eine Meisterleistung für sich dar. Da lauern nicht nur narzisstische Super-Bowler, die diesem provinziellen Freizeitvergnügen doch tatsächlich einen Hauch von prickelnder Erotik abgewinnen, sondern auch ein obskurer Schilderwald mit puritanischen Verboten. Mittendrin Jeff Bridges, der den Dude in groben Zügen nach dem Vorbild von Jeff Dowd modellierte, einem politischen Aktivisten aus den 60er Jahren, der später Independent-Filme vermarktet hat. Für sein törichtes Pendant Walter Sobchak stand Regisseur John Milius Pate, ein konservativer Militarist, der grandios von John Goodman in Szene gesetzt wird. Wobei man den Coens jederzeit anmerkt, mit welch leiser Bewunderung sie diese absurden Figuren alle aufmarschieren lassen. Als könnten sie selbst kaum fassen, dass es so etwas wirklich gibt.