Ein gewaltiges kulturhistorisches Dokument: Johnny Cashs TV Show 1969-1971 mit ihren Highlights. Jeder Freund der Country-Music, die sich hier allerdings nicht unbehelligt von benachbarten Musikstilen präsentiert, muss diese Doppel-DVD in seine Sammlung nehmen.
Die Bedeutung der Sache zeigt sich mit dem sensationellen Auftritt Bob Dylans bei Johnny Cash am 7. Juni 1969. Täuscht sich der Betrachter, der nun nahezu 40 Jahre später zuschaut ' oder ist hier nicht doch eine gewisse Fremdheit beider Herren im Umgang miteinander zu bemerken? Ein Wunder wäre das nicht. Cash und Dylan waren damals die Brennpunkte zweier amerikanischer Lied-Traditionen, Country und Folk, die beide lange Geschichte haben, nicht immer miteinander versöhnt waren und mit jeweils großem Anspruch und gewaltiger Anhängerschaft einen Kontrast darstellten zur in Woodstock im gleichen Jahr erstmals endgültig etablierten Rock-Musik, die sich auf die dritte Säule amerikanischer Unterhaltungsmusik berief: die Tradition der Schwarzen in Gospel und Blues. Auf der Skala der damals obligatorischen politischen Innovationsansprüche, die diese drei Musikrichtungen vertraten, lag Johnny Cash gewissermaßen ganz unten, Bob Dylan ganz oben ' in der Mitte die 'make-love-not-war'-Protagonisten Woodstocks. Dass das Cash-Dylan-Zusammentreffen gelang, grenzt darum an ein Wunder, ' und sie singen gar Dylans 'Girl from the North Country' gemeinsam.
Der wahrlich Größte der Country-Music, ihr Übervater, John R. Cash (1932-2003), hatte nach mühseligen Jahren der Tabletten- und Alkoholabhängigkeit zu Ende der 1960er Jahre endlich musikalischen Ruhm und existentielle Sicherheit gewonnen, auch sich fest zwischen gewissen Eckpunkten etabliert, die bis zu seinem Lebensende sowohl Karriere wie anhaltendes Charisma erklären können. Neben seiner schlafwandlerisch sicheren Musikalität, die stets weit über die Country-Music selbst hinausging (wovon die späten 'American Recordings' beeindruckendes Zeugnis ablegen), waren dies vor allem 'amerikanische Tugenden' wie seine mustergültige 35-jährige Ehe mit June Carter Cash (aus jener berühmtesten Country-Music-Schmiede der 1920er und 1930er Jahre, der 'Carter Family'), sein Engagement für die Elenden und Entrechteten, auch für die Indianer, seine offen demonstrierte kindlich-fromme Religiosität und sein leidenschaftliches Bekenntnis zu Amerika als 'God's Own Country'. Damit konnte er die 'Grand Ole Opry' Nashvilles, den Tempel der Country-Music, zum Sitz seiner TV Show machen ' und damit machte er auch das Beste aus der sonst bisweilen trivial und bedeutungslos wirkenden Country-Music selbst; vor allem in seinen eigenen Beiträgen gelang ihm das. Er legte damit wohl auch den Grundstein zu dem, was heute unter 'New Country Music' ('Dixie Chicks' etwa) verstanden wird. Ein Teil der damaligen amerikanischen Protestsongbewegung, wie sie aus der Tradition Woody Guthries durch Bob Dylan und Joan Baez entstand, war er damit zwar noch lange nicht, doch gab es eben Berührungspunkte. Im Nachgang zu diesem ersten Ereignis seiner Show war es dann möglich, auch Koryphäen aus anderen musikalischen Fürstentümern wie Louis Armstrong, Pete Seeger oder Chet Atkins für seine Show zu gewinnen.
Allerdings fällt auf, mit welch grenzenloser Verträglichkeit und bei offenbar vollkommen abwesenden Qualitätskriterien bezüglich dessen, was außerhalb Nashvilles Kitsch, Schmalz und Bigotterie genannt würde, Cash bei der Auswahl seiner Kandidaten (und bezüglich seiner selbst!) verfuhr. Etliche seiner Gäste wie etwa George Jones, Charly Pride, Loretta Lynn, Conway Twitty, Glen Campbell, Ray Price oder Roy Orbison machen mit ihren Beiträgen mühelos klar, weshalb sie nie den ganz großen Durchbruch hatten. Auch berühmtere Namen wie Stevie Wonder, die Everly Brothers (die in Cashs Family Show natürlich ihren eignen 'Silver Haired Daddy' mitbringen und mitsingen lassen mussten), James Taylor (mit dem einmalig schönen Lied 'Sweet Baby James', das er dennoch irgendwie genervt vorträgt), Neil Young, Joni Mitchell (die neben Johnny nicht halb so glücklich aussieht wie Linda Ronstadt), Tammy Wynette (wie ungeheuer steifleinen konnte man im Pop-Geschäft einst auftreten!), John Fogerty (von Creedence Clearwater Revival, der sein altes Übel, jeden hohen Ton zu drücken, hier fast schon übers Erträgliche hinaus vorführt) oder Neil Diamond (der einfach ein schwaches Lied wählt) machen keinen ganz glücklichen Eindruck und bleiben entweder was die Auswahl der Titel oder was die sängerische Leistung angeht (oder aus beiden Gründen) etwas unterhalb ihrer sonstigen Leistungsfähigkeit. Woran das liegen mag? Vielleicht zum Teil an der naturgemäß mittelmäßigen Qualität der Konzertsaalaufnahmen. Vielleicht gibt es aber auch so etwas wie die richtige Musik am falschen Ort. Oder vielleicht gibt es noch dazu die falsche Kontrafaktur für die richtige Musik: Ray Charles, auf eigenem Gebiet ein makelloser Könner, scheitert brillant an Cashs berühmtem Hit 'Ring of Fire', der natürlich nur mit 'Boom-Chicka-Boom' und Mariachi-Trompeten funktioniert, nicht in heftiger Gesangsverfremdung und auf einer Klaviertastatur ' und dabei sollte es doch eine so freundliche Hommage an den nur leider allzu heterogenen Gesangskollegen sein (und ist es auch!). Ebenfalls ein wenig als Fremdkörper wirkt der ansonsten tadellose Jerry Lee Lewis, dessen 'Whole Lotta Shakin'' nur einfach nicht so recht passen will in die fromme Atmosphäre des 'America the Beautiful'. (Interessant übrigens zu sehen, welche Skala der Begrüßungsdifferenzierung Johnny Cash zur Verfügung steht: Der eine wird enthusiastisch umarmt und als 'the Greatest' bezeichnet, der andre aus zehn Metern Entfernung eingewunken.)
Kommen wir aber zu den Höhepunkten dieser Produktion, ' es sind einige! Pauschal gesagt, sind alle Country-Music-Kollegen Cashs im richtigen Film und fühlen sich entsprechend wohl: Kris Kristofferson (dessen junges wie altes Gesicht mir stets einen leisen Schauder über den Rücken jagte, warum, weiß ich gar nicht), Waylon Jennings (der als einziger von Cashs Country-Music-Kollegen einen ähnlich 'süßen Kick' in der Stimme hatte wie Cash selbst), June Carter Cash schließlich, sie vor allem (nebst ihrer Mum 'Mother Maybelle Carter'). Und man hört June auch mehrfach reden, nicht nur singen, und ist amüsiert über den sonderbaren Akzent, mit dem sie spricht, 'regularly working on poems'. Junes und Johnnys 'Jackson' hier am 15.4.1970 ist aber das schönste 'Jackson', das ich kenne, und es wird im Bild abgerundet durch die einmal ganz natürlich und unaufgesetzt wirkende Geste des Köpfe-Aneinanderlegens der beiden noch frischen Liebesleute zum Schluss. (Auch ihr Baby darf einmal mitspielen und besungen werden!) Da kommt so etwas wie Glücks-Stimmung auf.
Dann auch gibt es ' gleich nach dem Dylan-Ereignis ' das Zusammentreffen mit Louis Armstrong. Sie singen zusammen den Blues, d. h. Johnny singt und spielt die Gitarre, Louis trompetet. Ihn in seinem 'Blue Yodel #9' dann auch noch 'jodeln' zu sehen (weniger zu hören) ist ganz wunderbar, eine Sternstunde der Popmusik! Ein gleiches Wunder ereignet sich mit Pete Seeger, der Johnny erklärt, was eine Har' ' äh, ein Banjo ist, bevor beide den 'Worried Man Blues' singen, der übrigens weder 'worried' klingt noch ein Blues ist, sondern ein flotter Country-Song, den die Carter-Family immer im Programm hatte.
Wäre ich June Carter gewesen, hätte ich nicht ganz ohne eifersüchtige Bedenken dem Ereignis zugesehen, wie Johnny mit der gerade noch 22-jährigen Linda Ronstadt musiziert ' ein ganz seltenes Dokument absoluter musikalischer Harmonie zwischen dem überdies so hübschen Johnny und der wunderhübschen Linda mit kastanienbraunen Augen, Minirock und nackten Füßen. Sie singen 'I Will Never Marry'! Und doch ein Doppelglück der Töne und der Liebe!
Selbstverständlich ist auch gegen die Auftritte von Carl Perkins, Merle Haggard und Hank Williams Jr. (auch vom Papa gibt es eine historische Aufnahme) nichts zu sagen ' sie sind allesamt Meister ihres jeweiligen Fachs.
Was wieder ein wenig stört, aber genre-typisch ist: Die orchestrale Begleitung nahezu jeden Songs aus dem Off ' und dies nicht nur von Cashs persönlicher Begleitband 'The Tennessee Three', sondern von ganzen Symphonieorchestern mit wenigstens 30 Geigen. Das fällt ins Gebiet der geschmacklichen Duldsamkeit, die oben schon erwähnt wurde, dagegen war offenbar kein Kraut gewachsen. Sichtbar bediente Instrumente des auf der Bühne auftretenden Sängers leisten keinerlei hörbaren Beitrag mehr. Darum ist man dann doppelt froh über die ausgiebige Demonstration des Könnens eines Spitzenstars auf der Gitarre: Chet Atkins, 'Mr. Guitar', zeigt alles, was er kann. Übrigens auch Roy Clark! Nur stört hier die gewisse 'witzige' Wichtigtuerei mehr, als die Virtuosität erfreut. Das soll kein prinzipielles Votum gegen Comedy-Elemente sein, auch Homer and Jethro bieten derlei mit dem berühmten 'Baby, It's Cold Outside'. Aber ein wenig 'misplaced' sind sie doch alle hier.
Wohl mehr als die Hälfte des Speicherplatzes der beiden DVDs wird beansprucht von Interviews und Kommentaren der Weggefährten, Kollegen und Familienangehörigen.
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