Nachdem ich die allererste Maxi schon hören konnte, freute ich mich sehr auf dieses Debütalbum.
Die Sängerin Plastique kannte ich ja schon vom Projekt Welle:Erdball, eine von mir sehr geschätzte Formation, live wie auf Tonträger.
Der Part des Soundschöpfers war mir bisher unbekannt - deadbeat.
Was hier geschaffen wurde, klingt nach analogen Synthesizer-"Teppichen" a la Tangerine Dream oder auch Kraftwerk, gewürzt mit einer großen Portion Modernität, Witz und Charme. Die Welt der Computer, Technik, Roboter, elektrischen Sounderzeugung, Maschinen, Kälte, Synthese und Gefühllosigkeit steht immer im Kontrast zur zarten Stimme der Sängerin, die warm, süß säuselnd, naiv, liebevoll, verletzlich, sehnsüchtig, unschuldig und sexy daherkommt. Sie bringt das Schaltkreisherz des Roboters (und zwar jedes Roboters!) zum Schmelzen... Und das Maschinchen zerrinnt zu Fleisch, Leidenschaft, Blut und Liebe...
Dieses Konzept Girl (Mensch)/Roboter funtioniert sehr gut, wurde ja auch schon oft in den verschiedensten Projekten oder auch Filmen thematisiert.
Die Klänge sind fantastisch arrangiert, immer hat man etwas vertrautes in den Melodien, aber auch neuartige Ecken und Kanten, die man so noch nicht hörte bzw. kannte. Meistens im Mid-Tempo angesiedelt, gibt es aber auch fast rhythmusfreie Träumer-Stücke sowie Tanzbein-zucken-lasser.
Es hat schon viel 80er-Jahre-Charme, man kann zu vielen Synthesizer-Bands von damals Parallelen finden. Die meisten Songs haben eine Hookline, die sofort hängen bleibt, sind sehr schmissig. Absolute Top-Songs neben "Whole" und "Flowers" von der Maxi, die zum Heulen schön und genial produziert sind, heißen "I Will Always Be With You" und "Another Love". Vergleichbares hab ich nicht auf Lager, sorry...
Die in Zeitschriften verwendeten Vergleiche mit z. B. Covenant kann ich nicht so recht nachvollziehen, so elektrotypisch klingt es nicht. Elektro ist für mich Feindflug, Funker Vogt, S.I.T.D. etc., meinetwegen auch Covenant, Rotersand, Apoptygma Berzerk oder VNV Nation; Minimal-Elektro vielleicht And One (teilweise). Dafür sind die Soundteppiche dieses Albums aber insgesamt zu komplex und eher weich. Ein Feindflug-Tanzflächenprügler, der sich nur schwitzend, in Uniform und mit blauen Flecken nach dem Konzert wohl fühlt, wird das ganze wohl als laaangsam bis laaangweilig abtun. Also, Vorsicht, kein Elektro!
Man findet sicherlich vieles in dieser Musik wieder, je nach dem, was einem vertraut erscheint: And One, Depeche Mode, frühe Apoptygma Berzerk oder andere Synthie-Größen; mich erinnert irgendwie auch vieles an Erasure. Neuere Musikverwandte heißen wohl Ashbury Heights (Tip!!!), Client oder auch Obsc(y)re.
Obwohl ich gerade auf meine neuen Lautsprecher warte und bisher nur auf meinen Sennheiser HD500 kopfhören konnte, fetzen die Sounds auch von der Produktion her. Professionell, sauber, scharf, künstlich und analog klingend, bassreich - aber präzise, einnehmend. Die Stimme der Sängerin klingt meines Erachtens auch anders als in den Welle:Erdball-Stücken, in erster Linie zarter, nicht so schneidend, und englisch - nicht deutsch. Zudem wurde sie elektronisch mit Hall etc. dem Gesamtsoundkonzept angepasst, also keine punktgenau reproduzierte Norah-Jones-Stimme erwarten.
Auch kann man hier vor lauter versuchter Objektivität die Sängerin Plastique als sexy Aushängeschild des Projekts nicht außer Acht lassen, die mit ihrem Erscheinungsbild aus den 50er Jahren - bekannt von Welle:Erdball - und moderneren Stilelementen eine äußerst attraktive Person darstellt, auf die man zukünftig bei Live-Auftritten sehr gespannt sein darf. Das war so objektiv wie möglich...
Einziger echter Kritikpunkt: Songtexte fehlen im Booklet, leider. Man versteht manche Texte ("Please Stay") einfach nicht so gut, ein Textblatt würde helfen.
Falls jemand von der Band das hier liest: Das mit dem Schuss am Ende muss man nicht verstehen - oder? Es muss irgendwann eine Fortsetzung geben!
Wer auf 80er oder 90er SynthPop steht, unbedingt bei dieser Romantik-Perle zugreifen! Ein beachtlich reifes
Erstlingswerk!