Die 1987/88 auf CD veröffentlichen Beatles-CDs ließen, vor allem im Vergleich mit den Remasters anderer Künstler aus den Sechzigern, schon recht bald erahnen, dass sie doch vielleicht etwas vorschnell und nicht sorgfältig genug remastert worden waren; umso erstaunlicher, dass es bis zum Jahre 39 der Trennung der Beatles dauerte, bis endlich der gesamte Katalog der Beatles-UK-Alben so, wie er zur Zeit des Bestehens der Band erschien, liebevoll editiert und erstklassig remastert auf den Markt kommt, und zwar in aller Konsequenz, d.h. sämtliche Stereo- UND Mono-Mixe umfassend, d.h. man hat zum ersten mal freie Wahl. In der vorliegenden Box sind die Stereo-Alben zusammengefasst, die ersten vier Alben davon zum ersten Mal offiziell komplett (etliche Songs gab es ein paar Jahre zuvor schon auf den beiden "Capitol"-Boxen; teilweise aber in den bearbeiteten US-Mixen).
Ich persönlich ziehe bei den allermeisten Beatles-Songs die Stereo-Mixe vor, da ich sie so kennengelernt habe und sie außerdem fast durchgehend detailreicher, "bunter" und weniger dumpf empfinde. Bis zum "Weißen Album" war in England das Mono-Format das dominierende, was dann aber schnell und endgültig zugunsten des Stereo-Formats kippte; wer nachempfinden will, wie die Songs zu Zeiten der Beatles hauptsächlich im Radio und auf LP gehört wurden und dabei noch die etlichen kleinen Unterschiede in den jeweiligen Mixes entdecken möchte, sollte zum parallel erscheinenden Mono-Boxset greifen, das nur die Alben bis zum "Weißen Album" enthält, da "Abbey Road" und "Let it be" nur in Stereo vorliegen und der Monomix von "Yellow Submarine" lediglich von den Stereobändern "heruntergemischt" wurde.
Zur Verpackung: alle CD-Hüllen sind umweltgerecht in Papier und Pappe designt und mit liebevoll gestalteten Booklets versehen, die neben dem jeweiligen Original-Begleittext zahlreiche unveröffentlichte Promo- und Session-Fotos sowie knappe, aber kompetente historische und aufnahmetechnische Anmerkungen enthalten. Besonders die üppigen Booklets von "Magical Mystery Tour" und "Sgt. Pepper's" geben dabei das Artwork der EP ("MMT") bzw. der CD von 1987 ("Sgt. Pepper's") wider. Schade dagegen, dass es beim "Weißen Album" zwar für eine Miniaturausgabe des Posters mit den Songtexten auf der Rückseite, nicht aber der vier dem Original beigelegten Portraits gereicht hat! Auch das Eingravieren der fortlaufenden Nummer ins Cover wäre ein netter Zusatzgag gewesen.
Zum Inhalt: die Alben wurden in der Songabfolge jeweils 1:1 ihren UK-LP-Vorlagen entsprechend übernommen (Ausnahme: "Magical Mystery Tour" war ein US-Album, das erst im Laufe der Jahre Standard wurde), es gibt keinerlei Bonustracks, aber dennoch Interessantes zu entdecken.
Da die Zweispur-Masters der Debüt-Single Love me do/P.S. I love you schon ziemlich bald wieder gelöscht worden waren und die "mock stereo"-Mixe im Laufe der Zeit wieder aus der Mode kamen, hat man für "Please please me" wie zu erwarten die originalen Monomixe verwendet. Für die beiden '65er Alben "Help!" und "Rubber Soul" fertigte George Martin 1987 neue Mixe an, um das Stereopanorama den fortgeschrittenen Hörgewohnheiten anzupassen (d.h. die Rhythmusspur wurde vom linken Kanal weiter zur Mitte hin verlegt und die Gesangsspuren auf der rechten Seite räumlicher verteilt). Ich finde es etwas befremdlich, dass man für diese Stereo-Box auf diese '87er Abmischungen zurückgriff, die ich immer als weder Fisch noch Fleisch empfand, anstatt auf die ursprünglichen von 1965 (diese finden sich als Bonustracks auf den jeweiligen CDs der Mono-Box; andersherum wäre passender gewesen. Immerhin ist so sichergestellt, dass auch die Mono-Box ein paar Käufer mehr findet.)
Auf den Stereo-LPs und -CDs von "Yellow Submarine" geisterte bisher ein "fake stereo"-Mix von Only a Northern Song herum. Ich fand den Song immer ziemlich dröge; hier wird zum ersten Mal der Original-Mono-Mix veröffentlicht, durch den er gewinnt. Im Stereomix des "Yellow Submarine Songtrack"-Albums (1999) und besonders auf der "Anthology"-Version mit teilweise geändertem Text kann ich ihm aber deutlich mehr abgewinnen.
Die Krönung dieser Wiederveröffentlichungen besteht für mich in der "Past Masters"-Doppel-CD, auf der zum ersten Mal offiziell die Stereo-Mixe von From me to you und Sie liebt dich enthalten sind (da She loves you und I'll get you das Schicksal von Love me do und P.S. I love you teilen (s.o.), sind auch sie weiterhin nur in Mono erhältlich). Ganz erstaunlich, was die Techniker beim erneuten Mastern aus der Vinyl-Single (!) von Love me do rausgeholt haben, die jetzt wieder etwas langsamer läuft - so ein runder Bass, der nicht zulasten der Höhen geht! Bei Day Tripper wurde der kurze Kanalaussetzer rechts (1:50) noch eleganter digital kaschiert als auf "1", das überzählige "yeah" (2:32) dagegen diesmal nicht.
Die 49-minütige Bonus-DVD fasst noch einmal alle 3-5-minütigen Dokumentationen mit den netten Computeranimationen und den Interviewauszügen zusammen, die den jeweiligen CDs beigefügt sind.
Zum Klang: Das sorgfältige Remastering ist genau so ausgefallen, wie ich es mir gewünscht habe - sämtliche Songs atmen mehr, sind klarer konturiert und von der Lautstärke sehr homogen aneinander angeglichen (ein Manko der "alten" Beatles-CDs); mein Aha-Erlebnis gleicht dem Blick, der sich auftut, wenn man durch eine nach Wochen wieder frisch geputzte Fensterscheibe blickt. Die Tontechniker haben fast ehrfürchtig eigene Klangvorstellungen außen vor gelassen und die Integrität der Songs bewahrt. Heutzutage geht man wieder mehr dazu über, die Songs nur dort zu komprimieren, wo nötig, z.B. bei She's a Woman, wo die Rhythmusspur auf dem linken Kanal und damit der ganze Song sonst zu dünn klänge (vgl. die alte "Past Masters"-CD). In der Werbung hieß es, diese Remasters klängen so gut wie seit ihrer Erstveröffentlichung auf Vinyl nicht mehr - ich würde sagen: besser!
Ich finde die Veröffentlichung dieser beiden Boxen eine und höchst erfreuliche Angelegenheit seitens der Plattenfirma - endlich fällt (zumindest zum Teil) das ewige Zusammensuchen rarer LPs und CDs auf Plattenbörsen weg, und ich werde für lange Zeit nicht mehr das Bedürfnis haben, meine Beatles auf diversen LPs zu hören aus Frust über die unzulänglichen CD-Ausgaben der Vergangenheit, die ich endlich komplett entsorgen kann! NOCH konsequenter wäre es allerdings gewesen, sämtliche Stereo- UND Monoversionen in einer Box bzw. auf den Einzel-CDs unterzubringen, was in den meisten Fällen technisch kein Problem dargestellt hätte.
Jetzt freue ich mich weiterhin auf die dritte "Capitol"-Box und "Live at the Hollywood Bowl" auf CD.