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Für ihn Anlaß sein Leben grundsätzlich zu ändern, dem Starkult entzog er sich von der einen zur anderen Minute und verließ die Bühne der Öffentlichkeit ohne eine Spur. Es wurde so still um ihn, daß, als anderthalb Jahre später "John Wesley Harding" erschien, man glaubte, die Stimme eines Toten zu hören, so schrieb damals eine Zeitschrift. JWH gab uns allerdings - was zu diesem Zeitpunkt noch kaum einer wußte - einen ziemlich genauen Einblick in das, was er in der Zwischenzeit getan hat, nämlich die "Basement Tapes" aufzunehmen. Das Harding-Album entstand in einer Aufnahmepause zu den Tapes und klingt, laut Greil Marcus, wie eine reduzierte, trockene Form desselben Gedankens, der auch "Basement..." zugrunde liegt.
Dylan fühlte sich nach seinem Unfall wie befreit von allem Leistungsdruck, der auf ihm lastete und zog in diesen pinkfarbenen Keller, um mit seinen Lieblingsmusikern THE BAND, die sich damals noch HAWKS nannten, einfach aus Spaß Musik zu machen. Man richtete sich später in einem ähnlichen Keller in der Nähe ein kleines Studio, BIG PINK getauft, ein und nahm alles, was dann kam - so will es die Legende - mit einem Dreiersatz Mikrophone auf, den sich von PETER, PAUL UND MARY borgten. Dann wurde gejammt, geblödelt und gekifft, was das Zeug hält, keiner dachte wohl daran, das alles jemals zuveröffentlichen. Insgesamt füllt das Material fünf CD's, die man heute in jedem guten Bootleg-Store bekommt und ein Doppelalbum mit dem besten (?) Material veröffentlichte Columbia einige Jahre später. Alles in allem ist die Auswahl sehr gut, es fehlen allerdings einige entscheidende Songs und das ist zum Teil eine Tragödie, "I shall be released", das aber in dieser Version auf den Bootlegs I-III veröffentlicht wurde, die im öffentlichen Handel erhältlich sind, das siebeneinhalb minütige "Sign on the Cross", die längste und musikalisch sehr interessante Basement-Reise, und vor allem - und das ist wirklich schlimm - das wundervolle "I'm not there", daß von allen, die es einmal gehört haben, als der traurigste Dylansong ever bezeichnet wird.
Aber was soll's - Bootleg besorgen, in diesem Fall lohnt es sich. Das interessante an diesen Tapes ist, das die Musiker auf der Suche nach ihren Wurzeln so sehr mit diesen verschmelzen, daß die Band oft nichtmal wußte, ob Dylan den Song irgendwo aufschnappte oder ihn gerade geschrieben hatte. Er improvisiert als gäbe es kein Morgen, macht Nonsens ohne Ende, ein surreales Wortspiel reiht sich an das andere, und die Band tobt zerbrechlich, riskant und innig über ihre Instrumente und Dylan singt wie er noch nie sang, erweckt alte Cowboysongs wieder zum Leben, stirbt fast vor Schmerz in "People get ready" und "Tears of Rage" und spielt wie ein Zauberer, der keine Folgen erwarten muß, mit Zitaten amerikanischer Geschichte, Tradition und Roots (s. Greil Marcus "Basement Blues" - es enthält eine genaue Aufschlüsselung seines Vorgehens im Zusammenhang mit amerikanischer Songwriter-Tradition).
Zu den bezauberndsten Momenten gehören jene, in denen Sänger und Band in die fragmentarischen Andeutungen ihrer Spielweise so hineinfühlen, daß jeder Ton bewußt gespielt wird, nachhaltig und trotzdem zart und fließend, wie im Vorübergehen voll Leichtigkeit hingezaubert und trotzdem durchdacht und entschlossen scheint. Man hörte von den Musikern später oft Sätze wie, wir wußten, es würde kein zweites Mal geben. Musik als magischer Moment: "This wheel's on fire", "You ain't goin nowhere" oder "Yea!Heavy..." haben dieses Leuchten, eine sagenhafte Intensität, die man nie vergißt, wenn man sie gehört hat, dieses Schweben im Raum mit diesen alten, knatternden Mikros aufgenommen, überall spürt man den Dreck des Rock 'n' Rolls und gleichzeitig eine göttliche Wärme - unglaublich.
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