Bereits 1982 hat die BBC die Romane "The Warden" und "Barchester Towers" von Anthony Trollope mit Alan Rickman in der Rolle des Widerlings Slope verfilmt. Diese Verfilmung ist zwar ziemlich unbeachtet geblieben aber dennoch ein weiteres hochkarätiges BBC-Meisterwerk. Hinten auf der DVD steht sogar lesen, diese Serie sei seinerzeit der schauspielerische Durchbruch für Alan Rickman gewesen.
Also wenn das nichts heißen will!
Die Geschichte spielt in der fiktiven Kathedralen-Stadt Barchester im prüden viktorianischen Zeitalter. Der alte Bischof Grantly ist ein bescheidener und netter Kerl und sein bester Freund der ältliche und grenzenlos gutherzige Mr. Harding (Donald Pleasence) ist der geistliche Vorsteher von "Hirams Hospital", eine Art Altersheim für mittellose Männer. Für diese ziemlich geruhsame Position als "Warden" erhält Mr. Harding ein stattliches Jahreseinkommen, das aber, wie sich herausstellt, von den finanziellen Mitteln der bedürftigen Herren abgezweigt wird. Als der reformerische Doktor Bold auf diesen Missstand öffentlich aufmerksam macht, kommt Mr. Harding völlig zu Unrecht in Verruf und stürzt in eine tiefe Gewissenskrise. Zu allem Übel droht an diesem Skandal auch die Liebe seiner Tochter Eleanor zu zerbrechen, denn Eleanor liebt ausgerechnet John Bold, den Initiator der Hexenjagd.
Doch diese Komplikationen sind nur die Vorboten von noch Schlimmerem in Gestalt des neuen Bischofs Proudie. Der nämlich ist ein rückratloser Pantoffelheld und in Wahrheit regiert seine Frau Mrs. Proudie (Geraldine McEwan) das Bistums. Ihr zur Seite steht der scheinheilige Kaplan Obadiah Slope (Alan Rickmann) ein Emporkömmling, der weniger Gewissen als Machthunger besitzt.
Die alteingesessene und konservative Geistlichkeit von Barchester stöhnt nun unter dem gestrengen Regiment von Mrs. Proudie und unter den abstrusen Neuerungen die Mr. Slope einführt. Am meisten aber stöhnt die verwitwete Eleanor, denn Obadiah hat es sich in den Kopf gesetzt die reiche Eleanor zu ehelichen. Um dieses Ziel zu erreichen, greift er sogar zu ausgeklügelten Intrigen gegen Mrs. Proudie. Allerdings ist dieser Bischofs-Xanthippe offenbar kein Mann, auch nicht Fiesling Slope, gewachsen. Und so darf man bis zum Ende noch viel schmunzeln und sich über die allzu menschlichen Schwächen der hohen und niederen anglikanischen Kleriker köstlich amüsieren.
Kritik:
Klein und engstirnig ist die Welt in diesem Film. Die herrliche Kathedrale in Barchester (gefilmt in Peterborough) ist das Kernstück um welche das beschauliche Leben der Helden kreist. Fast alle sind sie Clergymen/Geistliche, und bei den Ränken, die sie schmieden geht es zumeist um Ämter und Würden, um Predigten, Sonntagsschule oder gar um den regelmäßigen Kirchgang. Figuren, die diesen beschränkten Rahmen sprengen, wie zum Beispiel die erwachsenen Kinder des Geistlichen Stanhope, werden von Trollope als Freaks beschrieben und sind doch die großen Highlights der Serie.
Die ersten beiden Episoden (immerhin fast 2 Stunden Filmzeit) ziehen sich leider sehr spannungsarm und zäh dahin. Einzig die bissige Ironie, die Seitenhiebe gegen die Presse und das verknöcherte Würdenträgertum hält den Zuschauer bei der Stange. Und natürlich ist Donald Pleasence, der knuffige Darsteller von Mr. Harding ebenso ein Glücksgriff wie Nigel Hawthorne als dessen pedantischer Schwiegersohn Erzdiakon Dr. Grantly. Diesen beiden Herren ist es zu verdanken, dass man die besagten ersten beiden Episoden einigermaßen gut unterhalten überstehen kann.
Die dritte Episode (sieben sind es insgesamt) beginnt mit einem zeitlichen Bruch - einige Jahre sind vergangen - und nun endlich nimmt die Serie Fahrt auf. Nun entwickelt sich eine wirklich amüsante und interessante Handlung als der neue Bischof Proudie Einzug hält. Und mit dem Machtwechsel tauchen nun amüsante und bizarre Charaktere - unter ihnen auch endlich Alan Rickmann - auf.
Da ist zum Beispiel die schillernde und anrüchige Signora Neroni (Susan Hampshire) und natürlich der Drachen Mrs. Proudi, einfach göttlich und absolut glaubwürdig dargestellt von Geraldine McEwan, mit dem unausstehlichsten Gesichtsausdruck und der gefühllosesten Stimme und der niederträchtigsten Ausstrahlung überhaupt. (Ich würde mich vor so einer Ehefrau auch fürchten und schon vorsorglich zum Pantoffelhelden mutieren, ehrlich.)
Das größte Lob gebührt aber natürlich Alan Rickmann in seiner Rolle als heuchlerischer, schleimiger Reverend Obadiah Slope. Das muss man einfach gesehen haben, denn was Rickmann da an Kunst zeigt lässt sich kaum noch in Worte fassen. Selbst als gehässiger Professor Snape in Harry Potter ist er nicht halb so ein fieser Kotzbrocken wie als Slope.
Große Gefühle? Nein!
Dies ist keine Liebesgeschichte wie Stolz und Vorurteil oder North and South. Es gibt zwar ein "liebestechnisches" Happy End, doch das lässt den Zuschauer ziemlich kalt. Als Eleanor einem besagten Herrn plötzlich ihre Liebe eingesteht ist man als Zuschauer doch mächtig überrascht wann und wie das Verlieben denn passiert sein soll. Wie überhaupt Witwe Bold geborene Harding (Janet Maw) eine blasse Figur ist und als Darstellerin ziemlich unattraktiv wirkt und damit keine brauchbare Identifikationsfigur für die weiblichen Zuschauer abgibt ;-).
Zusammenfassung:
Das ist eine "schwarze" Serie, in der es von Pfaffen nur so wimmelt, die aber so überragend besetzt ist und so bissig und witzig erzählt wird, dass man über weite Strecken aus dem Schmunzeln und Lachen nicht heraus kommt. Wer Alan Rickmann mag, der muss sich diesen Film einfach ansehen, denn er spielt göttlich. Überwältigende Landschaftsbilder, dramatische Spannung oder gar große Gefühle sucht man hier allerdings vergebens.
Dennoch ein überragender Film, der meinen ganz persönlichen Geschmacksnerv fast perfekt getroffen hat.
DVD:
Format 4:3, DVD 9x2, Lauflänge: 399 Minuten, Sprache: Englisch Mono mit englischen Untertiteln, Dolby digital.
Special Features: Middle Englands Marvels: Ein Profil der Kathedrale in Peterborough anlässlich ihres 750. Jahrestages.