Kaum ein Politiker wurde im frühen 21. Jahrhundert derart zum Hoffnungsträger hochstilisiert und interpretiert wie Barack Obama. Nach George W. Bush könnte der Change vom 43. zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten kaum drastischer ausfallen, denn auf den Republikaner aus Texas, der einer politaristokratischen Familie entsprang folgt ein in Hawaii geborener Sohn eines kenianischen Austauschstudenten und einer Amerikanerin, der nicht nur einen Teil seiner Kindheit in Indonesien gelebt hat, sondern auch einige Jahre als Sozialarbeiter in Chicago tätig war und das mit einem "komischen Namen" der ihm nicht so manche sonst verschlossene Türen öffnen konnte. Umso interessanter ist es zu erfahren, wofür Obama wirklich steht und was der Inhalt des "Change, we can believe in" ist. In "The Audacity of Hope" formulierte Obama bereits 2004 nach seiner Wahl in den US-Senat und unter dem gleichen Titel wie seine Rede vor dem Demokratischen Nominierungsparteitag, eine mit Anekdoten aus seinem Leben angereicherte politische Zielsetzung, sein ganz persönliches Manifest.
Der damals abgeschlossene Buchvertrag sah allerdings neben "The Audacity of Hope", zwei weitere Bücher vor, deren Erscheinen sich allerdings auf absehbare Zeit verzögern dürfte. Somit ist Obamas eigenes Buch einmal mehr die "authentischere" Quelle zu Leben und Denken des US-Präsidenten. Wie schon seine Autobiografie "Dreams from my father" profitiert das Werk davon, von Obama selbst verfasst zu sein, auch wenn die Gefahr im Falle von "The Audacity of Hope" natürlich höher ist, dass Ghostwriter und PR-Berater wie David Axelrod auf seine Entstehung Einfluss genommen haben. In neun umfassenden Kapiteln (Republikaner und Demokraten, Werte, Unsere Verfassung, Politik, Chancen, Glauben, Rasse, Die Welt jenseits unserer Grenzen, Familie) analysiert Obama die Lage der Nation unter Bush und wie dieses schwere Erbe bewältigt werden könnte. Dabei drängt er auf einen grundlegenden Wandel des Stils wie Politik in den USA betrieben wird, weg von angeblichen Patentlösungen, Tatsachenverdrehungen und Beschimpfungen hin zu mehr Fairness, Intuition und gesunden Menschenverstand.
Im Sinne dieser Sachlichkeit sollte man jedoch auch anmerken, dass Obams Werk passend zur Reaktion auf seine Rede vor dem demokratischen Nominierungsparteitag 2004 der Forderung entsprungen ist, die Parteien sollten sich wieder mehr in Richtung Mitte entwickeln und von Fundamentalpositionen und Negative Campaigning Abstand nehmen. Seine Hauptargumentation fußt in diesem Zusammenhang auch auf den Erkenntnissen aus der Niederlage John Kerrys und den Positionen der blue dogs, der mitte-links Demokraten, die jedoch 2003 den Irak-Krieg unterstützten und im Nachhinein weitgehend diskreditiert wurden. Folgt man Obamas Ausführungen, erkennt man den Hoffnungsträger eher als gemäßigten Realisten, anstatt eines verträumten Idealisten, der sich jedoch nicht selten auch ein Hintertürchen offen lässt und seine "politischen Zielsetzungen" möglichst unkonkret belässt. Sein Manifest ist daher weniger Programm als vielmehr Problemanalyse, er erkennt sehr scharfsinnig die Verfehlungen und Irrungen der US-Politik, doch selten hat er eine Lösung parat. Was er unternehmen würde bleibt ungesagt, er scheint noch zu überlegen, was sein Abstimmungsverhalten im Regionalparlament von Illinois, wo er häufig nur mit anwesend stimmte, in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Obamas Problemverständnis erscheint zwar umfassend und tiefsinnig zu sein, doch sind seine Positionen weder originell, noch neu, sondern weitgehend längst geistiges Allgemeingut, was an ihm als Autor, den Politikwissenschafter und Verfassungsjuristen erkennen lässt, dessen Standpunkt auf Rationalität und weniger Ideologie beruhen. Der demokratische Shootingstar stellt sich etwa bewusst gegen die Linksliberalen, wie Neokonservativen und warnt vor einem gefährlichen Tunnelblick, der Lösungsansätze, auch wenn sie zum besten für die US-Bürger sind, nicht einmal erkennen lässt, denn der Ideologe lässt alle Tatsachen und Möglichkeiten außer Acht, die seiner Weltsicht widersprechen.
Die beste Lösung liegt in der Mitte, keine Fraktion hat den Anspruch darauf gepachtet, die besten Konzepte parat zu haben und Obama erkennt dies an. Anstatt gemeinsam Reformen für Amerika in Angriff zu nehmen, blockieren sich die Parteien nur zu oft gegenseitig, aus rein ideologischen Reflexen. Die Politik der Mitte, das wiedervereinigte Amerika, ist Obamas Ideologie, doch gerade hier lässt sich das teils zwanghafte Bestreben erkennen, für jede Seite etwas im Angebot zu haben. Um eine möglichst Front für sich zu mobilisieren, nutzt Obama geschickt den Mainstream und die Verklärung seiner selbst. Es gelingt ihm, sich und seine Überzeugungen so darzustellen, dass jeder in ihm genau das entdeckt, was er sehen will, er macht sich zur vermeintlich ideologiefreien Projektionsfläche für die Überzeugungen, Präferenzen und Hoffnungen des einzelnen. Somit ist es gezieltes Handeln und Absicht, wenn er zu vielen Themen, genau jene Standpunkte einnimmt, die ihm die größtmögliche positive Resonanz versprechen, seine "Authentizität" macht es möglich, man glaubt ihm einfach gerne.
"The Audacity of Hope" beginnt eigentlich mit einer Frage, wie sie Obama immer wieder in der einen oder anderen Form gestellt worden ist: "Sie machen einen wirklich netten Eindruck. Warum wollen Sie sich in einem so schmutzigen und gemeinen Bereich wie der Politik engagieren?" Die Antwort hat ihm viele Seiten abverlangt, lässt sich jedoch auf einen Satz beschränken: "Weil er etwas tun wollte." Darum wurde er schon Sozialarbeiter, Wahlkampfhelfer und später selbst Politiker, es ist auch Obamas Hoffnung, dass er etwas bewirken kann, dass ein Mensch allein schon einen Unterschied macht. Doch um etwas zu erreichen, braucht es oft mehr als einen einzigen, es braucht viele und wenn schon nicht alle, so zumindest die Mehrheit. Dazu sucht er den Kontakt zu den Menschen, um sie zu mobilisieren, für sich, damit sie durch ihn, etwas bewirken können. Und wenn die Realität auch unerfreulicher ist, als Verkörperung des American Dream kann er ihnen wenigsten eine heilsame Vorstellung schenken, ihren Glauben an die Menschheit und das System stärken. Dieser Zweck heiligt die Mittel, so dass sich er sich freimütig verschiedenster rhetorischer Techniken bedienen kann und auch schon mal Anti-Establishmenttöne anschlägt, wenn er die "Reichen und Mächtigen" geißelt, die bei den Senatswahlen 2004 eine schwarze Gesundheitsfachfrau als Kandidatin aufgestellt hatten, um die schwarze Wählerschaft zu spalten und Obamas Siegeschancen zu unterminieren. Vergessen scheint dabei Obamas meisterhafte Beherrschung eines "split of the white vote", die ihm Thomas Hofer und Norbert Rief in ihrem Werk "Obama" nachgewiesen haben.
Die Ehrlichkeit Obamas relativiert sich zum Teil durch etwas höchst menschliches, nämlich seiner Subjektivität, vor der auch er nicht gefeit sein kann. Es ist eben seine Sicht der Dinge und sollte er manche Dinge doch beschönigt haben, wer kann es ihm verdenken. Jener Stil mit dem er Einblick in seine Gedanken- und Gefühlswelt gibt hat "Dreams from my father" zum Bestseller gemacht und seinen Ruf als glaubwürdigen Politiker untermauert. Die Diskussion um Barack Obama gründet sich auf dieser Gewohnheit, Desillusionierung, Zweifel, Hoffnung und in geringen Dosen auch Ärger durchblicken zu lassen. Es ist mehr die Art wie er seine Ansichten vorträgt als die Standpunkte selbst, die ihn so sympathisch erscheinen lassen. Zur Schau getragene Demut und auch Angst, lässt ihn umso menschlicher erscheinen, wenn er überlegt, ob ihn seine Karriere bereits selbst verändert hat und sich im Klaren ist, dass man je länger man im Amt ist, langsam aber stetig den Kontakt zu den Leuten verlieren kann, die man eigentlich vertritt. Selbst über seine Rolle als Darling der Medien war sich Obama schon 2004 bewusst und verweist dabei auf seinen einzigartigen Stil, der vielleicht bei der Presse auf die nötige Ressonanz gestoßen ist.
Auch ein methaphorischer Prinz in glänzender Rüstung, der das Reich seiner guten und gerechten Ahnen 2008 vom bösen unbeliebten König Bush II. befreit hat ist in der Realität alles andere als perfekt. Obamas Spiel mit dem Populismus, mit Mythen, Träumen und Hoffnungen ist kostenintensiv und birgt die Gefahr einer Enttäuschung noch ungeahnten Ausmaßes in sich, denn am Ende wird man nicht an seinen Worten, sondern den Taten gemessen. Wir leben nicht in der schlimmsten aller Zeiten, wie Obama bestätigt, denn noch nie hatten wir so viele Freiheiten errungen wie heute. Doch Obamas Anspruch die USA nach 9/11 und acht Jahren George W. Bush wieder etwas von ihrem alten Glanz zurückzugeben, wird man daran messen müssen, ob er Amerika aus seiner Isolation führen kann und das beginnt bereits bei der Einreise. Bushs restriktive Anti-Terror-Politik mag zwar nicht der Grund für die Weltwirtschaftskrise sein, die in Obamas Amtszeit fiel, doch sie könnte sich langfristig verschärfend auswirken, denn viele der besten Studienabgänger der USA sind keine US-Bürger und ihnen wurden durch eine lähmende Bürokratie viele Anreize genommen im Land zu bleiben. Wie Ex-Finanzminister Bob Rubin ist Obama jedoch optimistisch was die langfristigen Aussichten für die US-Wirtschaft angeht.
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