...denn die Menschen können es ja nicht in "The Artist", dem meisterhaften Stummfilm heutiger Zeiten. Dass Filmmusik hier eine ganz andere Bedeutung haben sollte, ist also klar. Und der Soundtrack von "The Artist" wird dem im höchsten Maße gerecht. Nie traf der Spruch so sehr zu wie hier, dass der Film beim Hören noch einmal vor den Augen abläuft. Mangels realistischer Geräusche übernimmt die Musik deren Funktionen gleich mit und ist im mustergültigen Sinne Programmmusik. Beispielsweise hören wir in Track 2 ganz genau, wann Personen einander Schläge austeilen - die Partitur begleitet eine Actionszene aus dem Thriller "The Georgian Affair", einem Film im Film in "The Artist". Pauken-Schläge und Geigen-Gesänge im wahrsten Sinne des Wortes wird es immer wieder geben, das Ganze in hoher Qualität von einem ausdrucksstarken Sinfonieorchester eingespielt. Die Musik hilft ungemein, Bilder und Worte im Kopfe zu erzeugen. Und Stimmungen, denn genau wie der Film ist sie gefühlvoll, ohne jemals kitschig zu sein. Man bekommt eine Ahnung davon, wie wirklich großer Stummfilm sein sollte, wie wirklich großer Stummfilm war - und warum viele alte Stummfilme gegenüber "The Artist" abfallen. Zum einen, dafür können die alten Filme nichts, werden sie nicht mehr so liebevoll aufgeführt wie "The Artist", mit großem Orchester in bester Qualität. Zum anderen gab es, wie sollte es anders sein, immer schon neben Spitzenware einen ungleich breiteren Bodensatz. Zum Dritten ist "The Artist" immer auch beides, nostalgisch und modern. Er feiert die alten Zeiten, in denen er spielt, blickt aber gleichzeitig über sie hinaus und wird universell, steht andererseits aber auch nicht über den Dingen, die er zeigt. Ähnlich die Musik: Zwar wird man beispielsweise rockige Klänge, wie es sie in der Film-Handlungszeit (1927-32) noch nicht gab, vermissen. Aber die Musik mischt bewusst historische gehaltene Elemente (knarzigen 1920er-Jazz mit Posaunen mit Dämpfern, Banjo, Klarinette à la Woody Allen) mit Hintergrundmusik, die nicht stets hervorkehren muss, aus vergangenen Zeiten zu kommen. In letzterem Fall klingt das Orchester voll und klar, man wünscht vielen alten Filmmusiken ein digitales Remastering, das zu einem solchen Ergebnis führen würde. Nuancen treten hervor, einzelne Instrumente werden programmatisch herausgehoben und das Ganze hat so gar nichts von alten Filmen, eher von einem guten Sinfoniekonzert oder einer aus einem prächtigen Orchestergraben erklingenden Ballettmusik. Tatsächlich haben mich die Mischungen aus voluminöser Dramatik und zarter Romantik mitunter an Prokofjews Ballett "Romeo und Julia" erinnert (ohne dass man Übereinstimmungen bei bestimmten Melodien feststellen könnte). Dort wird ebenfalls mit den Mitteln eines ziemlich großen Orchesters die gesamte Palette der Gefühle abgedeckt, ohne dass dies durch typische filmische Mittel vergangener Zeiten eingeengt ist (so wie im Kino der 1940er und 1950er Jahre oftmals leider alle zugleich und die Streicher kräftig con sordino spielen, was jegliche Nuancen nimmt). Und ist "The Artist", dieser Film ohne gesprochene Worte, nicht tatsächlich eine Kunstform, die dem Ballett am nächsten kommt?
Bedauerlicherweise hatte ich bei meiner Rezension des Filmes die kongeniale Musik völlig außer Acht gelassen, die Würdigung sei hier nachgeholt, denn Obiges ist noch lange nicht alles. Diese Kreisquadratur, auf eine Vergangenheit zu blicken und weder ihr zu sehr verhaftet zu sein noch sich zu sehr über sie zu erheben, kommt auch in der Musik aufs Schönste und Beste zum Ausdruck. Vieles ist dramatisch und romantisch, oftmals ist der Soundtrack aber auch vergnüglich und geradezu verspielt. Effekt-Instrumente wie verschiedene an Jazz und Swing erinnernde Schlagzeuge, Vibraphon und Glockenspiel betonen dies; Blue Notes, Synkopen, Triolenrhythmen tun ihr Übriges. Neben Prokofjew lässt sich auch an Gershwin und die großen Musicalkomponisten der 1930er Jahre denken, die die Unterhaltungsmusik zum großen Orchester gebracht haben. Klaviersoli erinnern wiederum an vergangene Salonatmosphäre, in denen galante Pianisten die Schlagerzeile "Wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frau'n" in die Tat umsetzten. Schließlich: Wie auch der Film weist die Musik die seltene Gabe auf, äußerst klug zu sein, dem Hörer aber diese Klugheit nicht mit dem Zeigestock um die Ohren zu hauen. Man kann also schlicht genießen - aber wenn man will, auch höchst Interessantes bemerken. So ist der Track trotz seiner bewussten Mischung von Elementen letztlich aus einem Guss. Beispielsweise ziehen sich Leitmotive durch verschiedene Nummern und taucht Bekanntes in variierter Form und anderer Stimmung an unerwarteter Stelle später wieder auf. Dass der Film weit mehr als nur ein Zitatenschatz ist, mag sich auch darin ausdrücken, dass der vorletzte Track eben KEINE Übernahme eines Tracks aus Hitchcocks "Vertigo" ist, sondern eine Eigenkomposition (com-ponere! Zusammen-setzen!!). Wenngleich sie "Vertigo" schon sehr nahe kommt. Interessanterweise wird in Track 19 und 22 eine berühmte Viertonfolge aus "Vertigo" schon einmal versteckt vorweggenommen, und zwar nicht eine, die dann im deutlich vertigomäßigen Track 23 zum Hauptthema wird. Sondern eine, die man eher mit den Credits des Hitchcockfilmes in Verbindung bringt, der stärker den Akzent auf die psychischen Irritationen als (wie Track 23) auf die romantischen Aspekte legt. So kommen denn auch in der Szene zu Track 23 (ich möchte demjenigen, der "The Artist" noch nicht gesehen hat, nicht zuviel verraten) alle genannten Aspekte zusammen, es ist eine zentrale Passage, ein dramatischer Höhepunkt. Dieses geniale Kulminieren und Demonstrieren, wie alles mit allem zusammenhängt; man findet es auch im Soundtrack und auch darin, wie er diese Szene zuvor vorbereitet hat. Nicht nur daher ein rundum gelungenes Meisterwerk.
Filmmusiken sind mitunter anstrengend, oder Mogelpackungen, oder beides - zumindest, wenn man, wie ich, vornehmlich ältere Filme sieht. Oftmals kamen diese mit rund 15 bis 20 Minuten Musik aus. Oder sie wiederholten ihr Material so oft, dass man sich das nur ungern auf einer Schallplatte vorstellt. Oder man ging dazu über, dass Komponisten geradezu zum Komponieren genötigt wurden, damit sich eine Schallplatte füllen und gleich mit vermarkten lässt. Was naturgemäß nicht immer die besten Ergebnisse hervorgebracht hat, hier noch ein Song, da noch eine Luftnummer, die zum Selbstzweck wird, statt den Film wirklich zu begleiten. Der anfangs beschriebene Effekt, dass ein Film beim Hören noch einmal vor den Augen abläuft, kann sich so sicherlich nicht einstellen. "The Artist" ist anders. Als Stummfilm weiß er, wie wichtig ihm Musik als Ausdrucksmittel ist. Die CD ist sehr lang, und dies ist keine Aufblähung, sondern den Gesetzen des Mediums Stummfilm geschuldet. Wenn die Musik dann so wunderbar Handlung und Ausdruck des Films unterstützt, statt l'art pour l'art zu sein oder filmische Schwächen zu kompensieren zu versuchen, dann kann die Wertung nur fünf Sterne lauten.