Nachdem bereits mehrere Artbooks erschienen sind, welche die finalisierten, unübertroffen ikonischen Poster Drew Struzans zeigen, gelangt mit "The Art of Drew Struzan" ein Buch auf den Markt, das eine etwas andere Herangehensweise wählt: Es erzählt die Geschichten dieser Poster. Seite um Seite präsentiert es Kompositionsskizzen ("Comprehensives"), manchmal nur lose Ideen für Filmposter, manchmal fast vollständig ausgearbeitete Farbstudien. Die finalen Werke enthält das Buch natürlich auch - oft jedoch werden auch Skizzenserien gezeigt, von denen keine Idee jemals zu einem offiziellen Kinoposter wurde (z.B. "Sahara" von 2004, "Mad Max III" von 1985). Der Fokus liegt auf Drews Einfallsreichtum, seiner Kreativität und seinem Arbeitsprozess.
Ein gewaltiger, beeindruckender Blick "hinter die Kulissen" also, der sich visuell eigentlich nur durch die Feststellung trüben lässt, dass auf Drew Struzans Webseite bereits längere Zeit sehr viele der abgedruckten Werke abrufbar sind. Der Druck des Buches scheint mir dagegen ganz fabelhaft gelungen; diese Farbbrillianz und Kontrastschärfe habe ich jedenfalls auf keinem meiner erworbenen Kinoposter festgestellt. Meine Befürchtung, mit vier Studien auf einer Seite sei einfach nicht genug Detail sichtbar, hat sich auch absolut nicht bestätigt. Minuspunkt der Drucktechnik ist allerdings, dass auf den bevorzugt schwarz gelayouteten Seiten jegliche Fingerabdrücke sofort hässlich sichtbar werden. Obacht, hier können Sammlerherzen brechen!
Der Umfang von 160 Seiten lässt natürlich noch nicht einmal für alle bekanntesten Werke Drews Platz. Die frühen "Star Wars" Poster fehlen zum Beispiel komplett, erst mit Episode II (!) tritt George Lucas' Sternensaga auf den Plan. In dem eigentlich sehr Indy-intensiven Buch fehlt etwa auch der "Tempel des Todes". Damit muss man sich wohl abfinden.
Es wäre ein Werk zum Träumen geworden, läsen sich die Texte nicht wie ein Abgesang auf die Kunst im Kinoposter schlechthin. Frank Darabonts Vorwort ist bereits ein wütender Schlag, eine Raserei gegen die eigentlichen Entscheider ("suits" - "Anzugträger"), die über die Köpfe von Regisseuren wie del Toro hinweg aus fadenscheinigen Gründen über die heutigen Kinoposter entschieden, welche sämtlich, ich zitiere im Original, "Scheiße" seien ("crap"). Im Folgenden erzählt Drew Struzan zu seinen Bildern zwar auch von wunderbaren positiven Erfahrungen, von Menschen wie Michael J. Fox, Dustin Hoffman, Harrison Ford, und wie ihm der "letzte Kreuzzug" durch die Großzügigkeit des Studios seine Existenz rettete - es überwiegen jedoch bei Weitem die negativen Erfahrungen in den Geschichten der Bilder. Seine Kunst erfährt fortwährend Ablehnung und Unverständnis, und bereits ab 1994 hat Drew Struzan praktisch ausschließlich extrem bittere Anekdoten zu erzählen, die von Beleidigung, Herabsetzung, ja Zerstörung seiner Kunst sprechen. Die Bilder so schön, die Geschichten so traurig, so muss man "The Art of Drew Struzan" beschreiben.
Im Vorfeld des Erscheinens gab es Interviews mit Drew, die ihn als einen fröhlichen, glücklichen Mann schildern, dessen Erfahrungen ihn nicht bitter gemacht haben. Das glaube ich von ganzem Herzen, aber ganz ehrlich, man hätte dies in "The Art of Drew Struzan" nun wirklich noch deutlicher machen müssen. Denn betrachtet man die Texte in diesem Buch als Ganzes, muss man einen anderen Eindruck gewinnen: Den eines gebrochenen Künstlers, den die harte Geschäftswelt der Traumfabrik ganz einfach aussortiert hat und den eine Rückkehr in diesen Beruf (O-Ton Seite 156) "physisch krank machen würde".