Eine Graphic Novel ohne Worte - gibt es öfter. Aber eine auf einem derart hohen zeichnerischen Niveau? Kenne ich keine. Shaun Tan ist ein vollendeter Gestalter von meist 32-seitigen Bilderbüchern, die für Kinder und Erwachsene gleichermaßen faszinierend sein können. Dies ist seine erste Graphic Novel, obwohl - irgendwie ist Shaun Tan letztendlich doch beim Bilderbuch geblieben. "The Arrival" ist eine Art Hybrid und vereint das Beste aus beiden Disziplinen. Farbe nutzt er diesmal keine, seine mit Bleistift gezeichnete Welt kennt höchstens noch ein zurückhaltendes Braun. Man kann sich kaum satt sehen an diesen grandiosen Bildern. Vier Jahre hat er daran gearbeitet. Einzigartig wird diese Einwanderergeschichte aber durch die virtuose, gleichfalls leichthändige Verknüpfung der Bilder - manche doppelseitig, wiederum andere nur briefmarkengroß. Das Medium hat einen neuen Meister gefunden. "The Arrival" darf man in die Genialitäts-Schublade stecken. Und es ist sehr merkwürdig, wenn man danach "King Cat Classix" von John Porcellino in Händen hält, man kann sich denken, warum das so ist.
Ein Familienvater verlässt Frau und Tochter, um in einer den USA sehr ähnlichen Industrienation Fuß zu fassen. Es ist eine fremde, seltsame Welt, die er nur allmählich begreifen lernt (und wir mit ihm), denn es handelt sich weder um einen realen Ort, noch lässt sich die Erzählung zeitlich konkret zuordnen. Fahrzeuge und Kleidung der Figuren deuten auf das frühe 20. Jahrhundert hin, es gibt auch Hinweise auf die 40er Jahre und auf Schuiten/Peeters und ihre "Geheimnisvollen Städte". Unser Freund kennt die Sprache nicht, Gegenstände des täglichen Lebens sind ihm fremd (und uns erst recht), er muss sich durchschlagen, mühsam Arbeit finden, sich sehr langsam eine halbwegs solide Existenz aufbauen. Bis er seine Frau und seine Tochter in die neue Heimat holen kann, vergeht einiges an Zeit. Er trifft Menschen, die ihre jeweils eigene Leidensgeschichte haben. Diese knappen Einfügungen haben es in sich. Auf wenig Raum entfaltet Shaun Tan lakonische Dramen. So wird die soldatische Vergangenheit eines Arbeitskollegen praktisch nur über seine Beine erzählt. Wie er als Soldat in Stiefeln und mit einem gewissen Stolz in den Krieg zieht, wie er marschiert, wie er läuft, wie er rennt, um sein Leben rennt, dem Tod entrinnt, als Einbeiniger zurück bleibt, und deshalb nur einen miesen Job am Fließband bekommt. Das alles wirkt keineswegs verkünstelt, sondern jedes einzelne Bild, und auch der Weißraum dazwischen, das alles wirkt wie von jemandem erdacht, der genau wusste, was er da tat. Auch vor dem Schluss muss man seinen Hut ziehen.