Der Anspruch der 4 CDs in der Properbox 76 ist nicht weniger als eine Geschichte des Jazz Arrangements "von Jelly Roll Morton bis Quincy Jones" - ein hoher Anspruch und doch, so scheint es mir, durchaus gelungen. Die Auswahl der Titel ist gut, auf 43 Seiten des Booklets beschreibt Joop Visser nicht nur die einzelnen Titel, sondern gibt zu jedem vorgestellten Arrangeur eine Art Kurzbiographie. Der Ansatz ist strikt chronologisch, i.e. die Titel sind sequentiell nach Aufnahmedatum sortiert. Daran muss man sich vielleicht ein bisschen gewöhnen, aber es funktioniert erstaunlich gut, hin und wieder springt man etwas hin und her, Bands tauchen an mehreren Stellen auf, aber im großen und ganzen taugt dieser Ansatz - jeder Arrangeur hat seine Prime Time gehabt und selten später noch etwas Neues nachgeliefert. Es würde den Rahmen hier sprengen, wollte man auf jeden einzelnen der insgesamt 90 Titel eingehen, daher nur ein paar kurze Highlights:
CD 1: Nach einer kurzen Einleitung, was denn eigentlich ein Arrangement ist und wie due ersteb Arrangements entstanden (interessanterweise mit Musikern, die bei weitem nicht alle Noten lesen konnten), beginnt die CD mit Jelly Roll Morton als einem der frühesten Beispiele, springt dann aber relative schnell in die 30er Jahre (für ein Arrangement braucht es in der Regel eine Big Band, zumindest so wie es hier interpretiert wird; natürlich gibt es auch Arrangements" für kleine Gruppen, im Zweifelsfall sogar für ein Klaviertrio, aber diese sind hier nicht gemeint und außer acht gelassen). Beispiele für Arrangeure der frühen 30er sind versammelt: Walter Foots" Thomas (das superschnelle Some of These Days" mit Cab Calloway), Gene Gifford (der Riff-betonte Arrangements für das berühmte Casa Loma Orchestra schrieb), Don Redman (mit Cchant of the Weed"), Eddie Durham (mit Benny Moten's Orchester), Fletcher Henderson, Benny Carter (das berühmte Symphony in Riffs"), Edgar Sampson (Stompin` at the Savoy" mit Chick Webb), Edwin Wilcox und Sy Oliver (mit Jimmie Lunceford), Luis Russell (Swing That Music" mit Louis Armstrong), Jimmy Mundy (mit Benny Goodman), Mary Lou Williams (mit Andy Kirk), Joe Lippman (der Klassiker I Can't Get Started" mit Bunny Berigan), Harry James (Peckin`") und Bob Haggart (mit Bob Crosby). All diese Titel gehören zum Besten, was die Swing Ära zu bieten hatte. Duke Ellington ist mit dem vierteiligen Reminiscing in Tempo" von 1935 vertreten, vielleicht der einzige Kritikpunkt, ich hätte entweder etwas von der Cotton Club Band oder eines der größeren Stücke der 40er Jahre genommen, z.B. Black, Brown and Beige".
CD 2 erstreckt sich schließlich von 1938 bis 1942, deckt also den Höhepunkt und die auslaufende Swing Ära ab. Man merkt, die Arrangements werden glatter, der Swing-Stil schleift sich sozusagen ein, die Bands werden präziser, Musiker müssen Noten lesen und nach Noten spielen können. Arrangeure sind u.a. Larry Clinton, Glenn Miller, Bill Finnegan (mit Glenn Miller), Billy May (ebenfalls mit Glenn Miller), Horace Henderson, Andy Gibson (mit Count Basie, der mehr und mehr Betonung auf Arrangements legt), ein früher Dizzy Gillespie (mit Cab Calloway), Eddie Sauter (mit Benny Goodman), Lennie Hayton (das berühmte Stardust" mit Artie Shaw), Joe Bishop (mit Woody Herman), Billy Strayhorn (mit Duke Ellington), Buster Harding (mit Count Basie), Claude Thornhill, Gerald Wilson (mit Jimmie Lunceford), Mel Powell (mit Benny Goodman), Jerry Gray (mit Glenn Miller) und Paul Weston (mit Tommy Dorsey).
Auf CD 3, richtigerweise Things To Come" genannt, verlassen wir den reinen Swing und begeben uns in diese aufregende Übergangsperiode von 1942 bis 1946, eine der kreativsten und innovativsten des Jazz überhaupt, natürlich auch für die Arrangeure (allerdings war das auch eine der wirtschaftlich unerfreulichsten Zeiten für die Bands, insbesondere die Big Bands; reihenweise mußten sie aufgelöst werden, und viele Neustarts hielten nicht lange durch). Neue Töne von Howard McGhee (mit Andy Kirk), Dave Matthews (mit Harry James), Ed Finckel (mit Gene Krupa), Neal Hefti (mit Woody Herman), Frank Comstock (mit Les Brown), J.J. Johnson (mit Count Basie), Gene Roland (mit Stan Kenton), Gil Fuller (mit dem titelgebenden Things To Come" und Dizzy Gillespie) und George Handy. Auch hier ist wieder ein konzertantes Stück dabei, wie könnte es zu dieser Zeit von jemand Anderem kommen als Woody Herman's Band, alle vier Teile von Ralph Burns` Summer Sequence", und wenn man sie in diesem Zusammenhang wieder hört, fällt einem erst richtig auf, wie stark doch diese Suite von Duke Ellington beeinflusst war.
CD 4 deckt die 7 Jahre von 1947 bis 1953 ab, es gibt mehr Bebop, aber auch viele coole" Klänge. Klassischer Bebop ist vertreten mit John Lewis und George Russell (beide für Dizzy Gillespie), Tadd Dameron (ebenfalls mit Dizzy Gillespie) und George Williams (Lemon Drop" mit Gene Krupa). Cool Jazz beginnt zu dominieren mit Gil Evans (mit Claude Thornhill), Johnny Carisi (mit der berühmten Miles Davis Band), Gerry Mulligan (mit Stan Kenton) und Shorty Rogers. Nicht zu vergessen die Bands von Stan Kenton und Woody Herman, die einen eigenen Big Band Stil propagierten, eine Mischung aus Bop, Swing und Cool, hier mit Arrangements von Pete Rugolo, Al Cohn, Jimmy Giuffre, Johnny Mandel, Bill Russo und Bill Holman. Ähnlich Stücke von Tiny Kahn (mit Ted Heath) und Manny Albam (mit Charlie Barnet) sind ebenfalls Vertreter dieses Stils. Als konzertantes Stück schließlich Bob Graettinger's City of Glass", da hätte ich jetzt drauf verzichten können und eher wieder etwas von Ellington bevorzugt. Zum Abschluß ein frühes Arrangement von Quincy Jones für Gigi Gryce, man kann schon das großé Talent erkennen.
Selbstverständlich kann eine Anthologie, die im Jahr 1953 endet, nicht den Anspruch einer kompletten Geschichte des Jazz-Arrangements erheben. Wenn man diese Einschränkung aber einmal beiseite läßt, muß man zugestehen, daß die Zeit von 1926 bis 1953 mit all den epochalen und stilbildenden Arrangements hervorragend abgedeckt wird. Natürlich wird man immer argumentieren können, dass dieses und jenes fehlt, das bleibt nicht aus, aber: Insgesamt gute Auswahl, intelligent, strukturiert und vor allem fokussiert. Bravo.