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Fugazi, das ist für mich die wichtigste Hardcore-Band aller Zeiten. Diese Einordnung bezieht sich nicht zwingend auf die Musik der Band, eine vom Funk inspirierte Aufbrechung hermetischer Hardcore-Schemata, sondern auf deren gesamten Kontext. Wenn von Fugazi die Rede ist, spricht man zugleich von Ian McKaye. Der Sänger und Gitarrist ist eine der zentralen Persönlichkeiten der Washingtoner Musikszene. Prägte den Sound der Stadt mit seinen Bands Teen Idles, Minor Threat und Skewbald wesentlich mit. Und prägte auch Fugazi als Parttime-Sänger und Gitarrist. Um so härter traf es alle, als er für lange Zeit schwer erkrankte und nicht klar war, ob er überhaupt überleben würde - sprechen will er über diese Zeit nicht. Das würde nicht passen zu der Welt, in der McKaye lebt. Deswegen dauerte es verhältnismäßig lange, bis nach "Instrument", dem Soundtrack zu Jem Cohens Doku über Fugazi, ein neues Album erschien.
"Furniture / Number 5 / Hello Morning" macht Spaß, ist in seinem extremen 80er-Gestus (zwei der drei Stücke entstanden 1987) allerdings nicht repräsentativ für das neue Album, sondern eher eine Verbeugung vor den Sturm-und-Drang-Tagen der Band - wobei diese auch auf "The Argument" immer wieder stattfindet, nur eben viel gewählter gesetzt. Mit dem aktuellen Album setzen Fugazi den mit "Red Medicine" beschrittenen Weg fort. Der Sound ist vielschichtig, sehr luftig. Die Gitarren mahlen in dieser so Fugazi-typischen Art. Nervös. Und mehr als einmal driftet es ins Poppige. Da wäre sogar noch mehr drin gewesen, aber es scheint, als zögen sie selbst ab und an die Zügel an. Grenzen setzen. An diesen werden aus gesungenen Worten wieder gepresst-herausgebrüllte - nur dass Ian MacKaye und Guy Picciotto mittlerweile nicht mehr ganz so deep schreien. Fugazi haben aber nicht "quiet is the new loud" für sich entdeckt, sondern das konsequent zu Ende gebracht, was schon immer in ihrer Musik angelegt war: das Spiel mit den Zwischentönen und der Catchyness.
Ein Album, das Millionen Raver von den kleinen Dingern weg bringen könnte. Bei "Cashout" als melodischem Emorock-Stück. Und in "The Kill" pfeifen sie sich eins - zu einem warmen Basslauf. Am deutlichsten wird es bei "Life And Limb". Bridget Cross singt im Background, was dem sowieso bereits poppigen Song einen weiteren Schub gibt - doch keine Angst, es soll hier nicht um Klischee-Erfüllung gehen: Wenn Frau ins Spiel kommt, dann ... Dieselbe Gastsängerin singt auch, gemeinsam mit Kathi Wilcox, im Hintergrund zu "Full Disclosure" - und dieses malmt schwer verdaulich. Und wenn man denkt, alles durchexerziert zu haben, liefern Fugazi ein letztes Argument, das gleichnamige Titelstück des Albums. Nach anfänglichem Stimmenwirrwarr macht sich eine unbeschreiblich schöne Melodie bemerkbar, setzt eine zarte Erzählstimme ein: "Argument, when they start falling / executions will commence / sides will not matter now / matter makes no sense / how did a difference become a disease? / I'm sure you have reasons / a rational defense / weapons and motives / bloody fingerprints / but I can't help thinking / it's still all disease / here comes the argument." Im Verlauf wird der Vortragsduktus deutlich schärfer, die Band lauter. Aussage angekommen. Fugazi transportieren soviel Energie und Abneigung gegen Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, dass andere nachdenklich werden sollten.
Fugazi zeichneten sich immer in erster Linie durch konsequenten Dogmatismus aus - dieser wurde diesmal musikalisch für ihre Verhältnisse extrem aufgebrochen, mit positiven Folgen. Die deutsche Linke hat sich immer schwer getan mit der richtigen Musik; die Amerikaner fanden über Hardcore in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren Zugang zum gesamtheitlichen, alle Lebensbereiche einschließenden Politikbewusstsein. Und Fugazi sind in gewisser Weise die letzten Überlebenden jener Tage, ansonsten ist es (global) um ihre Szene relativ ruhig geworden. Doch sie sind nicht die letzten Vertreter. Musik kann wieder politisch sein, wie es auch in unserer Titelgeschichte gesagt wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie uns poppig, rockig oder nackt präsentiert wird. Man sollte nur zuhören. Bei Katastrophensendungen kann das ja auch jeder.
Thomas Venker / Intro - Musik & so
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